#“Bewusst und ohne Skrupel“

Unter diesem Titel veröffentlichte der Erziehungswissenschaftler BENJAMIN ORTMEYER wenige Tage vor dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaften in Essen eine „Polemik“ zur Person Hartmut von Hentigs in der „Jüdischen Allgemeine“.
Anlass für PROF. DR. ULRICH HERRMANN, einen Brief an den Chefredakteur zu schreiben: „Es ist eine der vornehmsten Aufgaben einer Redaktion, ggf. Autoren auch gegen sich selbst in Schutz zu nehmen; Persönlichkeitsrechte Dritter zu wahren; sich zu fragen, warum ein prominenter Mann ‚ohne Skrupel‘ hingerichtet werden soll, in diesem Fall durch einen ‚Polemiker‘, der selber offenbar keine Skrupel kennt. Sie haben Ihr Blatt mit dieser ‚Polemik‘, die nichts anderes ist als eine ‚Hinrichtung‘, einem Journalismus geöffnet, der nicht zu kritischer Meinungsbildung beiträgt, sondern zu Skandalisierung und Tribunalisierung … Und spätestens beim Terminus ‚Herrenmensch‘ hätten in der Redaktion die Warnlampen aufleuchten müssen.“

Tübingen, den 14.3.2018

Sehr geehrter Herr Chefredakteur,
sehr geehrter Herr Kauschke,

erlauben Sie, dass ich mich an Sie wende als dem Chefredakteur der „Jüdischen Allgemeine“, für die Sie presserechtlich verantwortlich zeichnen. Ich beziehe mich auf den Artikel „Bewusst und ohne Skrupel“ von Benjamin Ortmeyer unter der Rubrik „Polemik“ in Ihrem Blatt am 8.3.2018. – Über meine Person unterrichtet Sie meine Homepage (s. Signatur).
Es handelt sich um eine „Polemik“ im Hinblick auf die Person von Professor Hartmut von Hentig, die als „anlasslos“ gelten müsste, würde nicht am kommenden Montag auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft eine Debatte darüber geführt, dass und warum Herrn von Hentig von der DGfE der ihm vor Jahrzehnten verliehene Preis dieser Gesellschaft aberkannt wurde im Zusam­menhang mit dem Skandal sexualisierter Gewalt an der Odenwaldschule (2010). Hentig wird vorgeworfen, sich unangemessen zur Problematik der Opfer geäußert zu haben. Eine Mitwisserschaft oder gar Mittäter­schaft oder Mitwirkung bei Vertuschung ist nicht erwiesen, wurde nirgends belegt und der Vorwurf/ Verdacht wurde von Herrn von Hentig in einem letzten Band seiner Lebenserinnerungen ausgeräumt.
Der Skandal für die DGfE besteht nun darin, dass der Vorstand der DGfE entgegen der Empfehlung seiner eigenen Ethik-Kommission handelte (auch insofern ist gar nichts „gut so“); dass gegen die Aberkennung dieses Preises und die diesbezüglichen Umstände innerhalb der DGfE so massiv protestiert wurde, so dass der Vorstand der DGfE sich genötigt sieht, den Vorgang auf der bevorstehenden Jahrestagung  am kommenden Wochenende zur öffentlichen Diskussion zu stellen. Dies erscheint auf den ersten Blick verständlich, ist aber unsinnig, weil die Diskussionsteilnehmer durchweg kaum über die (Hintergrund-)Informationen verfügen, um sich auf der Grundlage dieser Diskussion ein eigenes Urteil bilden zu können. Und eine Urteilsbildung für welche Konsequenz? Ein Vorstand einer wiss. Gesellschaft mit einem solchen Missgriff hat nur eine Möglichkeit: zurückzutreten. Tat er aber nicht, und so setzt sich die Peinlichkeit zur Posse fort.
Ich erwähne dies einleitend, weil Sie womöglich von Herrn Ortmeyer (oder Herrn Brumlik) nicht erfahren haben, dass diese „Polemik“ von Herrn O., für die es sonst keinen Anlass gibt, präzis als Impuls für diese Diskussion bei Ihnen plaziert wurde.

Nun zur Sache: der Artikel von O.
In einer sensiblen Personalie ist akribische Recherche angesagt. Oder dient Ihre Spalte „Polemik“ dem Krawall, der Verunglimpfung? Denn der Text von O. ist keineswegs eine „Polemik“, sondern böswillig, herabsetzend, verleumderisch. Er erfüllt m.E. den strafrechtlichen Tatbestand der üblen Nachrede, gegen den ich, würde er mich betreffen, umgehend beim zuständigen LG Berlin vorgehen würde – Übrigens: Haben Sie den Text vorsichtshalber unter „Polemik“ laufen lassen, um von vornherein das Recht auf Gegendarstellung auszuhebeln?
Es hätte Ihnen bzw. Ihrer Redaktion auffallen müssen, dass schon die Eröffnung des O.-Textes unsinnig ist: Ein Preis wird nicht aberkannt, weil jemand Jahrzehnte später etwas falsch „dargestellt“ hat. Hentig hat die Vorgänge an der Odenwaldschule übrigens nie und nirgends „dargestellt“, weil er – wie alle Außenstehenden – sie gar nicht ahnte, kannte und nicht kennen konnte. Niemand hat ihm das Gegenteil nachweisen können.
Hentig im nächsten Textteil („Proteste“) mit Ehrungen anderer Personen und deren ganz anderer Problematik in Verbindung zu bringen, ist unzulässig, konstruiert aber eine üble Sippschaft: den „dritten Fall aus dieser Generation“. Ich dachte, Sippenhaft gäbe es seit 1945 nicht mehr. Und wenn es „ganz andere Gründe“ gibt – was sollen dann diese Verweise? Ein Schuh wird im nächsten Absatz draus: auch der Hentig hat Dreck am Stecken, die dämlichen Leser seiner Autobiographie haben es bloß nicht bemerkt. – Übrigens redet Herr O. von „der Profession“, die etwas „übersehen“ habe, besonders den miesen Charakter dieses Herrn „aus gutem Hause“, aber jetzt kommt es heraus  – so im ff. -: er ist Herrenmensch, Prolet, Ignorant, Dummkopf, Plünderer und Mörder. Und der das im Untertitel seiner Autobiographie auch noch ausdrücklich „bedacht und bejaht“ hat. Und das Foto zum Artikel zeigt einen lachenden Menschen, der ganz offensicht­lich gezeigt werden soll als ohne moralisches Bewusstsein – warum: damit man ihn verachten soll. Das ist menschenverachtend ekelhaft. Dem Text von O. und dieser Kombination von Text und Bild geht jedes Gefühl für menschlichen Anstand ab! Das publizistische Organ des Zentralrats der Juden in Deutschland sollte sich so etwas versagen, es könnte einem Geschichten zu unserer beschämenden Vergangenheit und Gegenwart in der Sinn kommen…
Was O. aus Hentigs Kriegserinnerung zitiert, ist auf den ersten Blick verstörend. Gewiß. Aber wie sieht es aus, wenn man diese Passagen liest als Bekenntnis, was der Fronteinsatz mit und aus einem machen konnte? Könnte es sein, dass Herr O. keinen blassen Schimmer davon hat, was es bedeutete, mit den Kameraden überleben zu wollen? Und nichts als dieses? Und dann können wir uns immer noch darüber auseinandersetzen, ob und wie dies artikuliert wird. Aber dem Bekenner zum Beispiel wohlfeile Äußerungen des Bedauerns darüber abzuverlangen, dass er fürs eigene Überleben andere umbringen musste – das ist angesichts der Szenerie, in der wir uns bewegen, grotesk. Meint Herr O., Hentig hätte eine weiße Fahne hissen und sein Gegenüber mit Handschlag begrüßen sollen/müssen? Oder überlaufen? Wohin? Oder desertieren? – Ich glaube, wir verlassen dieses Terrain lieber. Es ist zu ernst, zu heikel, zu doppelbödig. Für uns Nachgeborene allemal.
Es ist eine der vornehmsten Aufgaben einer Redaktion, ggf. Autoren auch gegen sich selbst in Schutz zu nehmen; Persönlichkeitsrechte Dritter zu wahren; sich zu fragen, warum ein prominenter Mann „ohne Skrupel“ hingerichtet werden soll, in diesem Fall durch einen „Polemiker“, der selber offenbar keine Skrupel kennt. Sie haben Ihr Blatt mit dieser „Polemik“, die nichts anderes ist als eine „Hinrichtung“, einem Journalismus geöffnet, der nicht zu kritischer Meinungsbildung beiträgt, sondern zu Skandalisierung und Tribunalisierung (wie im Falle Hentig auch durch Pörksen in der ZEIT). Und spätestens beim Terminus „Herrenmensch“ hätten in der Redaktion die Warnlampen aufleuchten müssen.
Fazit: Beim „Polemik“-Artikel in Ihrem Blatt bleibt mir im Hinblick auf seriösen Journalismus schlicht der Atem weg. Man mag zu Hentig stehen wie mal will, das ist gar nicht das Thema. Eines ist nicht hinnehmbar: Ihn in dieser Weise verleumderisch mit Dreck zu bewerfen.
Diese Zeilen dürfen Sie Herrn Ortmeyer zur Kenntnis geben, so wie ich sie in meinem Kreis verbreite. Einen Leserbrief für Ihren Papierkorb schreibe ich nicht. Wenn Sie einen bringen wollen: Hier haben Sie ihn.

„Mit freundlichen Grüßen“ entspricht der Konvention –

Prof. Dr. Ulrich Herrmann
ulrich.herrmann@t-online.de
www.medienfakten.de/uherrmann

 

1Kommentar

  1. Alfons Kleine Möllhoff Beitragsautor

    Nicht nur kleine Anmerkung: Hartmut von Hentig hat die Beteiligung an einer Tötung beschrieben und zugestanden. Ortmeyer macht daraus einen „Herrenmenschen aus gutem Hause, der mitgemacht, -geraubt und -gemordet hat“.

    Mörder ist, wer vorsätzlich handelt, also aus freiem Willen, ohne sich in einer Notlage zu befinden.
    Mörder ist, wer niedrige Beweggründe hat, also aus „Mordlust, zur Befriedung des Geschlechtstrieb oder aus Habgier“ tötet. (§ 211 StGB)
    Mörder ist, wer heimtückisch oder grausam tötet.

    Dies alles lastet Ortmeyer HvH an ohne jeglichen Beleg. Eine Verleumdungsklage würde er wohl kaum gewinnen – es ist allerdings eine Frage, ob Ortmeyer dieser Ehre wert ist.

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