Leseprobe Kapitel 16

Abscheulich? Nicht wie ich mir seine Handlungen vorstellte
Aus Kapitel 16: Fünf Distanzierungen – Kummer

… Albrecht Schöne stößt sich an den ersten zwei Sätzen, die ich  hier wiederhole: „Sexuelle Handlungen an, mit und vor Kindern sind falsch – auch wenn sie mit ihrem Willen geschehen. Sie werden abscheulich, wenn Täuschung, Gewalt und Erniedrigung im Spiel sind.“ In dieser Frage vermag er – ein Großvater! – meine Unterscheidung von „falsch“ und „abscheulich“   nicht hinzunehmen. Der Dissens war gewichtig. Das „Beständige“ in unserer Beziehung, so ließ er mich wissen, bleibe seinerseits jedoch unberührt.

Ich empfand Kummer im Kummer. Albrecht Schöne traf die Stelle, an der Freundschaften ohne Rücksicht auf das, was die Freunde wollen, zerbrechen: wenn sie der „Verschiedenheit von Überzeugung“ innewerden. Ich mochte das nicht hinnehmen; ich versuchte noch einmal, die meine so zu erklären, dass Albrecht Schöne doch auch seine in ihr erkennen könne (…)

Albrecht Schöne und ich sehen uns weiterhin auf den Tagungen der Akademie; wir verhalten uns gesittet; Gespräche wie einst gibt es nicht mehr. Jedes Mal regt sich in mir die Frage, ob nicht hier „mein Anteil“ an der Misere zu suchen ist, nicht da, wo die Nadolnys und Harders ihn sehen – in mangelnder Demut –, sondern in einer falschen Grundeinstellung zum „sexuellen Missbrauch“. Muss ich nicht ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich mir Gerold Beckers Taten als etwas vorstelle, was ich zwar verurteile, aber nicht verabscheue?

 

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