Leseprobe Kapitel 18

Man war an der Odenwaldschule nicht so frei, wie die Ideale dies vorschrieben
Aus Kapitel 18: Eine befreite Sprache – Bekenntnisse

… „Nichts entlastet mehr von Schamgefühl als das Delegieren der dunklen, befremdlichen Seite der eigenen Sexualität an einen Sündenbock. Und an ein Wort: pädophil.“, schreibt Evelyn Roll. Ich habe als frischgebackener Professor der Pädagogik bei der Lektüre des damals erschienenen Buches von Alex Comfort „Der aufgeklärte Eros“ (1963) am „eigenen Leib“ wahrgenommen, wie wenig aufgeklärt ich selber war, für wie viele, auch mir bewusste sexuelle Phänomene ich nicht einmal eine brauchbare Sprache hatte, ganz abgesehen von der Hemmung, über Sexualität überhaupt zu sprechen. Die Darstellung, die ehemalige Schüler der Odenwaldschule in den letzten Jahren von ihrem Umgang mit diesen Fragen gegeben haben, offenbart und ihr eigenes Verhalten beweist, dass man im Hambachtal nicht wirklich frei war, über das zu reden, was man auf diesem Gebiet sah oder was man selber tat oder was einem widerfuhr. Am wenigsten frei waren die Täter – sie waren ja von ihrer Veranlagung getrieben, an ihre pädagogischen Prinzipien gefesselt, vom Gesetz bedroht. Sollte die Odenwaldschule insgesamt so frei, so aufgeklärt gelebt haben, wie ihre Ideale vorschrieben, mussten vor allem die anderen in der Lage und geübt sein, die „Tatsachen“ auszusprechen und anzuhören, also das Tabu Pädophilie zu brechen. Angst und Widerwille, Versagen und Leiden, Begehren und Eifersucht, Neugier und Unwissenheit, Zärtlichkeit und Missbrauch kommen bei ihnen erst nach 30 oder 40 Jahren zur Sprache und dann nur noch als Zeugnisse einer ungeheuerlichen Perversion. Man hat nur die Freiheit, die man ausübt. In der lockeren Rede über Gerold Becker, der „auf Jungs steht“ und über den Musiklehrer, der „unter Artenschutz stand verschwand die einfache Wahrheit der Veranlagung dieser Pädagogen und der schweren Folgen derselben. Es blieb auch der „eigene Anteil“ ungesagt, der die Opfer später als Trauma heimsuchen sollte. Nach Susan Clancys Theorie sind ja dieser und das Gräuel, das die Gesellschaft mit der sexuellen Handlung verbindet, der eigentliche Auslöser der Störungen …

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