Leseprobe Kapitel 2

Nach Preußen
Aus Kapitel 2: Reisen – „Sieh, das Gute liegt so nah“

… „Nah“ sind in Berlin nicht nur die „guten Dinge“, sondern vor allem auch
Lebensformen, Denkmuster, Haltungen, und, wie bei den Kunstgegenständen, sind viele von diesen eingeführt, nicht einheimisch. Einheimisch ist gewiss das Preußentum, das sich hier entwickelt, definiert und urbanisiert hat (…) Preußentum ist zunächst ein Produkt der Geschichte und als solches widersprüchlich, ein Gemenge aus erfreulichen und unerfreulichen Erscheinungen, die nicht notwendig aneinander ge­kettet sind. Das zum Beispiel, was wir Militarismus nennen, die Vorliebe für kriegerische Lösungen politischer Probleme, war so gut wie allen Herrschern der damaligen Zeit gemeinsam. In dem an Menschen und Gütern armen und rückständigen Preußen-Brandenburg jedoch waren ausreichend viele Soldaten und modernes Kriegsgerät nur unter Vernachlässigung aller anderen Ansprüche und bei einer alles durchwaltenden Disziplin zu haben, also bei dem, was man wohlfeil „Kadavergehorsam“ nennt. Die historischen Notwendigkeiten hierfür sind entfallen, und so kann man die schlimmen Übertreibungen vom Preußentum als Verhaltensprinzip und Lebensstil abstreifen und behält: Pflichtgefühl, Gemeinsinn, Tapferkeit vor dem Feind, vor dem Freund, vor den Mächtigen, Selbstdisziplin, „mehr sein als scheinen“, das Lob der Genügsamkeit, Sparsamkeit als Mittel, Gerechtigkeit als Maß, Freiheit als nie ganz erreichbares, aber überall, wo es geht, vorwegzunehmendes Ziel, die delicate balance von Gottesfurcht und Aufklärung. Daraus lässt sich ein durchaus erreichbares „Vorbild“ herstellen, das ja auch dann einen Sinn hat, wenn man es nicht erreicht …

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