Leseprobe Kapitel 5

Den nützlichen Zweifel aufrecht erhalten
Aus Kapitel 5: Politik – Mitdenken, auch über den Tag hinaus

… Als mir im Jahr 2010 Klaus Meyer van Dettum einen von ihm erarbeiteten, mit Bildern und anderen Dokumenten bestückten Lebensbericht über „Max Windmüller, genannt Cor – Ein Retter im gewaltfreien Widerstand“ schickte und mich um ein Vorwort bat in der Hoffnung, damit einen Verleger für sein Werk zu interessieren, war ich – obwohl schon odenwaldschul-gelähmt – nicht nur sofort bereit, ich war dankbar für diese Gelegenheit, etwas zu tun und nicht nur zu trauern. Ich wusste bis dahin nichts von diesem außerordentlichen Mann – einem jungen deutschen Juden, der als Schüler von seinen Eltern nach Holland in Sicherheit gebracht wurde, sich als Holländer in den Sicherheitsdienst der Nazis aufnehmen ließ und aus dieser Position heraus zahllosen Juden das Leben rettete. Bei seiner letzten großen Rettungsaktion wurde er überführt und 1945 im Alter von 25 Jahren getötet. Ich erfand für mein Vorwort ein Elftes Gebot: „Du sollst nicht vergessen!“, auf das sich alle Völker oder doch ihre Führer und Weisen sollten einigen können (…) Dass es auch missbraucht werden kann – für Rache, überlebte Ansprüche, unnützen Stolz –, spricht nicht gegen das Gebot. Diese Anfechtung teilt es mit den meisten anderen Lebensregeln. Gleichwohl muss ich mich fragen, ob von dem, was man inzwischen „Erinnerungskultur“ nennt, nicht zu viel erwartet und damit der Irrtum allen Lernens aus der Geschichte bestärkt wird: „Wir wissen doch …, und also werden wir nicht …“. Ich hätte auch sagen können, dieser Irrtum werde so eigentlich erst hergestellt, weil das gediegene Wissen den nützlichen Zweifel beseitigt, ob wir auch handeln werden, wie wir handeln sollten …

 

Gegen den double-speak
Aus Kapitel 5: Politik – Mitdenken, auch über den Tag hinaus

… Auf der Frühjahrstagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung zogen die Dichterkollegen gehörig empört über Günter Grass und seinen Missbrauch des Gedichts für eine „unsäglich törichte“ Beschimpfung Israels her. Das Gedicht war nicht nur unstatthaft, es war als Schmähgedicht geradezu „unprofessionell“. Meine Wortmeldung hatte der die Diskussion leitende Präsident der Akademie als letzte angenommen. Ich sagte: „Günter Grass’ Gedicht tadelt in erster Linie mich – und alle, die sich ähnlich verhalten. Ich habe stets einen Bogen um die Tatsache gemacht, dass Israel ein vermutlich beträchtliches Atomwaffenarsenal besitzt und dass die Weltöffentlichkeit, jedenfalls die westliche, keinen Anstoß daran nimmt, gar Kontrollen verlangt und mit Sanktionen droht, wenn sie nicht zugelassen werden. Der Iran jedoch wird schon aufgrund von geheimdienstlichen Annahmen und aufgrund seiner eigenen Großsprecherei der Herstellung atomarer Waffen beschuldigt und zum Schurkenstaat erklärt. Was Günter Grass gesagt hat, muss gesagt werden, weil uns der double-speak nicht guttut. Ich bin Günter Grass dankbar, dass er mich von dem Zwang zu solcher Verlogenheit befreit.“ – Die Sitzung war zu Ende, es hat mich auch später keine Reaktion auf meine Äußerung erreicht …

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