Leseprobe Kapitel 6

Der Tod eines Bruders
Aus Kapitel 6: Familie und Freunde – Unentrinnbares

… Nach der Rückkehr aus Berlin ging es innerhalb von vier Wochen schnell dem Ende zu. Keine Nahrungsmittelaufnahme. Trinken eine noch gerade gemeisterte Qual. Viel Schlaf aufgrund der schmerzstillenden Medikamente. Zweimal riet mir Jutta ab zu kommen: Ich sollte ihn ja bei Bewusstsein erleben, womit sie offenbar fest rechnete. Am 23.10. brach ich, durch Rolands Darstellung seines Zustands alarmiert, von der Wildenburg auf und reiste nach Deining. Am Nachmittag, gleich nach der Ankunft, setzte ich mich zu ihm an sein Bett. Man ließ uns allein bis zum Abendbrot in zwei Stunden. Ein Schlauch, der ihn über die Nase mit Flüssigkeit versorgte, entstellte sein liebes Gesicht. Ich sprach zu ihm – leise und nur wenige Sätze, die ihm klarmachen sollten, wer da jetzt bei ihm war. Gelegentlich öffnete er die Augen, sah mich schweigend an und zog sich dann wieder in sein Inneres zurück. Ich harrte aus; die Tränen liefen stetig; die Gedanken kreisten um die Tatsache der „Endgültigkeit“ und schweiften dabei ab zu den an Gerolds Sterbebett verbrachten Stunden und Tagen. Die Ähnlichkeit des Abstiegs stand mir bewusst vor Augen – der Augenblick, in dem aus Abstieg ein Aufgeben wurde. Ein plötzlicher Griff nach meinem Arm, ein Zerren an seinem Schlafanzug, ein tiefes Stöhnen sagten mir, dass ich etwas zu leisten hatte, wusste aber nicht, was. Ich rief Roger, der es wusste und zusammen mit Jutta Ruhe und Ordnung wieder herstellte. Ich verließ den Raum – meiner Überflüssigkeit und Hilflosigkeit überführt. „Hilflos“, das heißt ja ohne Hilfe, Hilfe weder empfangend noch Hilfe geben könnend. Ich schämte mich, dass ich nun doch Hunger hatte, mir Juttas Abendbrot gut schmeckte …

 

Der amerikanische Freund
Aus Kapitel 6: Familie und Freunde – Unentrinnbares

… Kenneth Jacobson habe ich auf der Reise der OECD-Examiners im Jahre 1979 durch die USA kennengelernt – einen jungen jüdischen Autor, der mir fünfzehn Jahre später eines der aufregendsten Bücher schickte, die in meinen Regalen stehen (…) In seinem Buch „Embattled Selves“ hat Ken anhand von fünfzehn Lebensläufen das Problem der „Identität eines Menschen“ so gründlich aufgedeckt und so ergiebig dargestellt, wie man es von den zuständigen Wissenschaften umsonst erwartet. Nach seiner Disziplin befragt, hätte er wohl geantwortet: „Interest in human beings.“ Seine Methode nennt die Kritik „oral history“. Eine andere Legitimation und eine andere Kompetenz brauchte er nicht für den Auftrag, den er sich selbst gestellt hat. Bei den fünfzehn Personen handelt es sich um Juden, die als Kinder und Jugendliche in Nazi-Deutschland überlebt haben. Sie sind in dem Buch aufgeteilt in solche, die untergetaucht sind (Anne Franks Schicksal), solche, die lieber Deutsche waren als Juden und ihr Judentum verleugneten, also in die Hitlerjugend eintraten oder in sonstige Arier-Rollen schlüpften, solche, die von ihren Rettern zu guten Katholiken gemacht wurden, solche, die als Kinder nur eines jüdischen Elternteils (in der Nazi-Terminologie „Halbjuden“) zwischen zwei Polen hin- und hergerissen waren, und schließlich solche, die unter der Decke der Anpassung auch bei schwacher Kenntnis jüdischer Lebensart und jüdischen Glaubens im Inneren hartnäckig Juden blieben, neben Kindern, die nicht wussten, dass sie Juden sind und sich später heftig gegen ihren wahren Ursprung wehrten. Die Fülle und Ordnung der Varianten, die Schärfe der Gegensätze, die unterschiedliche Wirkung der späten Aufklärung ihrer Herkunft oder der Selbstprüfung und nicht zuletzt die Unaufhebbarkeit der Konflikte oder Spannungen machen aus dem Buch von Ken Jacobson eine fundamentale Menschenkunde. Dass er mich in den „acknowledgements“ als Ratgeber und Zuträger nennt, macht mich stolzer, als ein weiterer XY-Preis dies tun könnte …

 

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