Leseprobe: Zur Nachbereitung des Lesers

Die hohe Aufmerksamkeit von der hohen Erregung lösen
Aus: Zur Nachbereitung des Lesers

… Die Auseinandersetzung mit den Kritikern, die mein Verhalten in der Odenwaldschule-Affäre als „Sündenfall“ ansehen, ist als Absicht leicht zu verstehen, bedarf keiner weiteren Erklärung, muss ihre Berechtigung in sich beweisen. Die Gründlichkeit, mit der ich sie führe, widerlegt die – vor allem im Zusammenhang mit dem Stichwort „aussitzen“ verbundene – Vorstellung, ich hätte mich bockig oder dick
fellig oder gleichgültig den Anschuldigungen und der gebotenen Rechtfertigung zu entziehen gesucht. Nein, ich habe meine Entgegnungen nur nicht unverzüglich und unvorbereitet in die Öffentlichkeit tragen wollen, wo mich der nächste Schelte-Sturm erwartete (…) Den Folgen, die die Veröffentlichung dieses dritten Bandes meiner Lebenserinnerungen für mich haben kann, sehe ich gefasst entgegen. Die Wirkung, die sie auf meine Ankläger und Kritiker haben wird, kann ich vorhersehen und muss sie verantworten. Der Öffentlichkeit wünsche ich, dass sie an meinem Klärungsversuch erkennt, wie viel komplexer der Fall Odenwaldschule/Gerold Becker/Hartmut von Hentig ist, als er – man kann wohl sagen: allgemein – dargestellt worden ist. Ungleich wichtiger aber ist, dass die hohe Aufmerksamkeit, die das Thema „sexuelle Handlungen an und mit Kindern“ aus diesem Anlass – und weltweit anderen – auf sich gezogen hat, sich von der damit einhergehenden hohen Erregung löst, die zu kurzschlüssigen Verdammungen von pädagogischen Theorien und Praxen führt. Pädagogik bedarf der Normalität, des Vertrauens in die Lehrer und Erzieher, des Zutrauens zu den Kindern und Jugendlichen, eines 
vernünftigen Ermessensspielraums für alle daran Beteiligten. Sie 
gedeiht nicht in der Quarantäne, in einer Atmosphäre allgemeinen, 
gar grundsätzlichen Misstrauens, der Kontrolle von allem und jeglichem aus Angst vor dem Nichtvorgesehenen. Mit anderen Worten: Prävention darf die Pädagogik – die Hilfe beim Aufwachsen – nicht verdrängen.

 

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