# Denkwelten und offene Fragen

„Hartmut von Hentig gibt in diesem Buch Einblick in seine Denkwelten und Entwicklung, analysiert, präsentiert seine eigene Perspektive der Vorgänge an der Odenwaldschule, die Ausgangspunkt weiterer Diskussionen sein können/sind/sollten“, schreibt MARTIN GEISZ in seiner Rezension für die Portale: http://lernarchiv.bildung.hessen.de und www.buchrezensionen-globales-Lernen.eu   

„Dass dieser dritte Band meiner Erinnerungen ohne den ‚Odenwaldschul – Skandal’ nie geschrieben worden wäre ist klar und bedarf weder bei meinen Freunden noch bei meinen Feinden einer Erläuterung. Derer bedarf es für die zehn Kapitel, die nicht von meiner Verstrickung in den Fall handeln: In deren Zentrum steht der Entzug der Glaubwürdigkeit, zu dem sich sehr viele Menschen, ein großer Teil der Öffentlichkeit und auch Freund veranlasst gesehen haben, Glaubwürdigkeit ist Sache der ganzen Person. … Man muss dieser Person in ihrem Alltag zusehen, in ihren Gesprächen zuhören, an ihren Reaktionen auf die unterschiedlichen Vorkommnisse, Herausforderungen und Scheinbarkeiten des Lebens teilnehmen. Einer der hartnäckigsten Vorwürfe, die mir gemacht werden, ist ja, dass ich meinen Freund Gerold Becker nicht ‚durchschaut‘ habe, dass mir nichts aufgefallen ist, worauf dann leicht der Verdacht erwuchs, dass ich nicht habe sehen wollen, was da geschah, ja, dass ich es ‚gedeckt‘ habe. … Ich hielt es darum für notwendig, mein ‚Haus‘ zur Besichtigung freizugeben, alle Kammern, Schränke und Schubladen zu öffnen, in der Hoffnung, dass man Vertrauen zu seinem Bewohner fasst“ ( S.15 f.) In den Kapiteln 1-9 formuliert Hartmut von Hentig im Sinne dieser Vorgabe Hintergründe, philosophische Orientierungen, biografische Elemente (z.B. in Kap 4 Bücher, Theater, Filme, Tondokumente – zwanglose Erlebnisse), die Analysen, Verhalten, Reaktionen und deutliche Standpunktformulierungen von ihm im Zusammenhang mit den Vorwürfen gegen die Odenwaldschule und vor allem gegen Gerold Becker weiter erklären verdeutlichen sollen. Hierher gehört für ihn auch auch der Blick auf die Bedeutung von Sexualität. – H.v. Hentig verweist darauf, dass sexueller Missbrauch von Kindern in der Pädagogik und den Erziehungswissenschaften eigentlich nicht reflektiert werden ( u.a. Pestalozzi, Rousseau, Korczak, M. Montessori, J. Dewey, G. Kerschensteiner, M. Buber, O.f.Bollnow, Theodor Litt, Wilhelm Flittner, W.Klafki, K-J. Tillmann werden auf S. 1361 noch einmal genannt). Im Buch folgt sein Blick auf Gerold Becker (Gerold Becker – wie ich ihn erlebt habe – Kap 7; Mit-Teilungen – wie ich sie dem Freund gern machen würde – Kap. 8.

In den folgenden Kapiteln (S.579 – S.1369) steht der Skandal um die Odenwaldschule und seinen Schulleiter Gerold Becker im Mittelpunkt. Eine Anmerkung im Schlusskapitel des Buches (Zur Nachbereitung des Lesers) zeigt für mich die Orientierung von Hentigs im Blick auf die Vorgänge an der Odenwaldschule, die viele Schülerexistenzen beschädigt oder gar zerstört haben: “Der Öffentlichkeit wünsche ich, dass sie an meinem Klärungsversuch erkennt, wieviel komplexer der Fall Odenwaldschule/Gerold Becker/Hartmut von Hentig ist, als er – man kann wohl sagen: allgemein – dargestellt worden ist. Ungleich wichtiger aber ist, dass die hohe Aufmerksamkeit, die das Thema ‚sexuelle Handlungen an und mit Kindern‘ aus diesem Anlass – und weltweit anderen – auf sich gezogen hat, sich von der damit einhergehenden ,Erregung löst, die zu kurzschlüssigen Verdammungen von pädagogischen Theorien und Praxen führt. Pädagogik bedarf der Normalität, des Vertrauens in die Lehrer und Erzieher, des Zutrauens zum den Kindern und Jugendlichen, eines vernünftigen Ermessensspielraums für all daran Beteiligten. Sie gedeiht nicht in der Quarantäne, in einer Atmosphäre allgemeinen, ja gar grundsätzlichen Misstrauens, der Kontrolle vor allem und jeglichen aus Angst vor dem Nichtvorhergesehenen. Mit anderen Worten: Prävention darf die Pädagogik – die Hilfe beim Aufwachsen – nicht verdrängen“ (S.1365).

In einer Annotation zur Biographie von Jürgen Oelkers über Gerold Becker 1 hatte ich zur „Einordnung dieses kritischen Buches in die Bildungsarbeit“ formuliert: „Die in diesem Buch vorgelegte Biografie Gerold Beckers – die auch einen kritischen Seitenblick auf die uns Lehrern als Modell auch in Lehrplänen vorgestellte und nahegelegte Reformpädagogik und die Personen Hartmut von Hentig und Hellmut Becker enthält – , macht nachdenklich, nicht nur, was Pädokriminalität betrifft. (Dies ist inzwischen ja durchaus im Blick auf die Zeit nicht nur als Versagen Einzelner, sondern durchaus auch in der Verleugnung der Kinder und Jugendliche missachtenden Aspekte – z.B. auch in früheren Diskussionen bei den Grünen erkannt.) Die gern verwendete Formel vom „pädagogischen Eros“ als Antrieb der Bemühung um Kinder und Jugendliche wird entleert und pervertiert: „Der ‚pädagogische Eros‘ ist nichts als eine Herrschaftsformel gewesen, gegen die sich die Kinder nicht wehren konnten. Die Menschen ‚stärken‘ kann man damit nicht und zur ‚Klärung‘ der Sache der Erziehung‘ ist mit der Ideologie der Erziehungsgemeinschaft ebenfalls nichts gewonnen. Die ‚Polis‘ war auch ein Erfahrungsraum für Sexualtäter und die „Schule neu denken“ erwies sich als pathetisches Konstrukt ohne wirklichen Praxiswert. Dafür wurde der Täter geschützt, solange bis es nicht mehr ging und eigentlich dann immer noch“ (S. 579)“2.

Von diesem hier vorliegenden sehr ausführlichen Buch Hartmut von Hentigs (3. Band der Lebenserinnerungen Hartmut von Hentigs) hatte ich erwartet und gehofft, neue Akzente und neue Argumente in der Diskussion um dieses Problemfeld zu bekommen. Hartmut von Hentig gibt in diesem Buch Einblick in seine Denkwelten und Entwicklung, analysiert, präsentiert seine eigene Perspektive der Vorgänge an der Odenwaldschule, die Ausgangspunkt weiterer Diskussionen sein können/sind/sollten.

Allerdings sehe ich keine Antwort auf die Frage nach einer grundlegenden Orientierung von Pädagogik und Schulalltag – gerade von Hartmut von Hentig mit „Schule als Polis“ nachhaltig geprägt, die sich – auch im Blick auf die Vorgänge an der Modellschule Odenwaldschule – neu stellt.

Zur Frage nach der Orientierung von Pädagogik, Organisation von Schule und letztlich auch Bildungspolitik gehört für mich auch der Blick auf die Bedeutung und Bewertung von Sexualität in der Pädagogik – nicht nur nach den Vorfällen an der Odenwaldschule, die lange uns als Lehrkräften an staatlichen Schulen als Modell moderner fortschrittlicher Pädagogik angepriesen worden ist. Ein neues Verständnis von Schule und ein ganz neues Verhältnis zwischen Lehrkräften und den ihnen anvertrauten Lernenden sollte es geben.

H.v. Hentig verweist darauf, dass sexueller Missbrauch von Kindern in der Pädagogikgeschichte eigentlich keine Bedeutung hat ( u.a. Pestalozzi, Rousseau, Korczak, M. Montessori, J. Dewey, G. Kerschensteiner, M. Buber, O.f.Bollnow, Theodor Litt, Wilhelm Flittne, W.Klafki, K-J. Tillmann werden auf S. 1361 noch einmal genannt). Was bedeutet das für die Wissenschaft von der Erziehung, die ja immer Schule und Bildung im Blick hat und ihre Forderungen und Realisierung in der Bildungspolitik, die sich oft genug deutlich der Reformpädagogik zugewandt hat? Was muss anders werden, was bleibt für Lehrer, Erzieher und die Bezugswissenschaften?

Ich hatte mir vom Buch auch einen neuen Blick von Seiten Hartmut von Hentigs auf die Opfer der Skandalgeschichte der Odenwaldschule erhofft, besonders auch wegen der „langen Nachdenkzeit“, die ja zwischen Ereignissen, dem langsamen Ende der Odenwaldschule und dem Erscheinen des Buches liegt. Die Opfer bleiben im Buch aber letztlich Objekt und werden nicht verstanden 3.

Viel Anlass zum Nachdenken und Diskutieren über anscheinend sichere pädagogische „Selbstverständlichkeiten“, deren Theorie und Praxis sich aufzulösen scheinen, gibt es für mich weiter, Antworten darauf hat dieses Buch nicht gegeben. Auch das endgültige AUS der Odenwaldschule (im Moment kommen Einrichtungsgegenstände zur Versteigerung) ist da keine Antwort.

Es hilft auch nicht, dass in den Nachbemerkungen von H.v. formuliert wird: „Zur Rettung der Reformpädagogik kann dieses Buch nicht unmittelbar beitragen, nicht zuletzt, weil der Autor Hentig zwar ein Schulreformer und Aufklärer zu sein sich bemüht hat, sich aber zu keiner der verschiedenen reformpädagogischen Traditionen bekannt hat und sich zur Klärung der Odenwaldschul-Affäre keiner reformpädagogischen Argumente bedient“ (S. 1366).

Martin Geisz

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1 _ Annotation zu: Jürgen Oelkers: Pädagogik, Elite, Missbrauch- Die »Karriere« des Gerold Becker. Beltz Juventa. Weinheim und Basel 2016. 608 Seiten. ISBN:978-3-7799-3345-8 – http://globlern21.de/16geroldbecker.html .

2 _ Zitat: http://globlern21.de/16geroldbecker.html: Reformpädagogik, neue Perspektiven, „Öffnung von Schule“, Stärkung der Schülerpersönlichkeit – vor allem dadurch, das Schülerinnen und Schüler Subjekt und nicht Objekt von Lernen sind oder werden sollen – sind und waren immer Orientierungspunkte im Feld Globalen Lernens. Natürlich gab und gibt es den Blick auf Modellschulen – in meinem Bundesland (Hessen) z.B. auch schon lange die Odenwaldschule in Südhessen (und natürlich auch auf deren Repräsentanten (u. a. natürlich auch deren langjähriger Schulleiter Gerold Becker, der dann später im HIBS, dem Hessischen Institut, das für Schulentwicklung arbeitete abgestellt war).

3 _ Volker Breidecker beschreibt dies in seiner Rezension des Buches in der Süddeutschen Zeitung so: „…Und er begegnet den Opfern Gerold Beckers mit Infamie und ihren Zeugnissen mit dem Gestus des Großinquisitors: Heuchler und Verräter sind es in seinen Augen, gnadenlose ‚Rächer‘ mit verkorksten Biografien, die als von fremder Hand erlittene Traumata ausgeben, was sie sich im Abstand vieler Jahre an Verletzungen entweder eingebildet haben, oder wass ihnen von außen – von Therapeuten, Journalisten und anderen Moralaposteln – eingeredet worden sei“ (So schreibt SZ vom 27.6.2016 auf S. 12 der Deutschlandausgabe)

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