# Ein Plädoyer
für eine getrenntgeschlechtliche Betrachtung der Pädophilie und das Dilemma des Internets

 

Anmerkungen von MANFRED SCHÖNEBECK, angeregt durch eine kontroverse Diskussion über die Beziehung des Nestors der Schulreformen, Hartmut von Hentig, zum verstorbenen ehemaligen Leiter der Odenwaldschule, Gerold Becker, und dessen sexuelle Übergriffe auf Schutzbefohlene

 

Als ich 1980 am Internationalen Kongress für Psychologie in Leipzig teilnahm, las ich von einem Treffen der „Association for Women in Psychology“. Die US-Psychologin Ethel Tobach lud dazu ein und ich war neugierig, aber auch sehr naiv. Ich dachte, „Frauen in der Psychologie“ – ein damals relativ unbelichtetes Thema – würde hier diskutiert. Und ich vermutete, es ginge um Patientinnen. Meine Erfahrungen als junger therapeutischer Assistent zeigten eine Lücke in der Ausbildung zu speziellen Frauen-Themen, zum Beispiel zu Fragen des Orgasmus. Wir hatten zwar die unterschiedlichen Erregungskurven von Mann und Frau kennengelernt, wurden über Freud, Adler, Jung und Reich unterrichtet oder bildeten uns in Studiengruppen weiter, studierten Hirschfeld als Vorfahren in Berlin, hatten McKinseys Werk erarbeitet, Tausch & Tausch, aber auch Rogers und die Ansätze von vielen anderen diskutiert, doch ergaben diese Versatzstücke kein Ganzes. Wir wollten Sexualität als Teil einer Persönlichkeitstheorie einordnen, doch eine konsensfähige Theorie  gibt es bis heute nicht. Trotzdem fühlte ich mich in naiver Weise als kompetent, all das „auf Frauen“ anwenden zu können.

Zwischen  A-Männchen und Demut

Zu Beginn des Treffens der „Association for Women in Psychology“ saßen dann 49 Frauen um einen langen, ovalen Tisch. Und ich. Mir gegenüber am anderen Ende Ethel Tobach, eine Warmherzigkeit und Freundlichkeit ausstrahlende Frau. Ich war zwar verwundert, hier der einzige Mann zu sein, erläuterte aber in der Vorstellungsrunde meine Motivation zur Teilnahme. Ethel lachte herzlich und versuchte zu erklären, dass es sich hier um eine Organisation für Frauen und nicht für Männer handle und ich sozusagen ein putziger Irrläufer sei. Aber sie wolle darüber diskutieren und abstimmen lassen, ob ich als Gast teilnehmen dürfe.

Es folgte eine stürmische aber freundliche Diskussion, in der einzelne Teilnehmerinnen Dinge sagten, die ich so noch nie gehört hatte. Frauen sprächen anders unter sich, wenn kein Mann dabei sei, es wäre eine wichtige Errungenschaft, dass Frauen sich trauten, über ihre Arbeit und Wissenschaftsdisziplin ohne Männer zu diskutieren. Männer verfolgten in Diskussionen andere Ziele als Frauen und wollen oft nur das Alpha-Tier hervorkehren, was viel Zeit koste. Frauen müssten erst selbst und unter sich klären, welchen Platz das Weibliche in einer männlich dominierten Wissenschaft einnehmen solle, in der über „den Menschen“ geforscht würde, aber meistens nur von Männern mit Männern und über Männer. Überhaupt sei es fraglich, ob Psychologie und Psychotherapie nicht eigentlich die Psyche des Mannes zum Gegenstand hätten, in der Frauen nur als Problem- und Konfliktquelle, als kränkendes und krankmachendes Objekt vorkämen. Angezweifelt wurde auch, ob vor einem Repräsentanten des patriarchalischen Systems überhaupt geleistet werden könne, sich nicht nur GEGEN dieses System zu definieren, sondern ein eigenes, weibliches Modell zu entwickeln.

Hier griff Ethel Tobach in die Diskussion ein und fragte, ob es wirklich um ein eigenes, weibliches Modell gehe oder nicht um ein neues gemeinsames Modell. Wieder entstand eine intensive Diskussion, in der ein gemeinsames Modell zwar bejaht wurde, der Weg dorthin aber nur über die geschlechtergetrennte Diskussion und Forschung denkbar sei. Ausdrücklich begrüßt würde aber, dass ein junger männlicher Kollege hieran Interesse zeige, nur sei der Zeitpunkt leider noch zu früh. Ich wurde dann gebeten, draußen auf die Entscheidung zu warten.

Mein Kopf schwirrte von neuen Begriffen und Denkweisen, und ich hatte vor der Tür das Gefühl, hier etwas Neuem zu begegnen, das ich so im Studium noch nie gehört hatte. Ich hatte die Sorge, auch nur einen der vielen neuen Gedanken zu vergessen oder nicht richtig zu verstehen – aber auch Angst, ausgeschlossen zu werden. Mein Gefühl der (naiven) Kompetenz hatte sich in ein Gefühl der Demut verwandelt. Ich betrachte diese Momente damals in Leipzig heute als einen wesentlichen Erkenntnissprung in meinem sozialen und beruflichen Leben.

Als ich wieder hereingerufen wurde, teilte mir Ethel Tobach mit, eine knappe Mehrheit der Frauen hätte für meine Teilnahme votiert. Mir würde aber das Wort nur jeweils nach 49 weiblichen Diskussionsmeldungen erteilt, damit ich in keiner Weise dominiere. Etwa der Hälfte der Frauen war die Empörung noch anzusehen, überstimmt worden zu sein. Trotzdem war meine Demut wie weggeflogen, und das A-Männchen in mir sagte: „Siehst du – es geht doch!“ Ich kam nicht ein Mal zu Wort und wurde wie unsichtbar aus den Blickkontakten ausgeschlossen. Die folgenden zwei Stunden führten zu einem Nebel von weiteren Einsichten und Erkenntnissen. Ich verstand danach, dass es richtig ist, wenn Frauen unter sich diskutieren wollen, und habe mich danach seltener als rundum kompetenter Therapeut gefühlt.

Danach wollte ich eine Männer-Bewegung gründen, in der es um die kritische Hinterfragung unseres eigenen Macht- und Dominanzverhaltens, unserer Sexualität und um den Hintersinn männlicher Unterdrückung von Frauen ging. Leider hatten die Männer in meinem Umfeld daran kein bis wenig Interesse, und wenn ich mit Argumenten kam, die ich bei diesen Frauen gehört hatte, wurde ich eher ausgelacht. Viele dachten, ich mache Witze.

Da ich mir aber schon während meines Studium Geld damit verdiente, in Jugendsendungen des Rundfunks als „Experte“ meine frisch gelernten Weisheiten zu verkünden, versuchte ich, eine Psychologin als Gesprächspartnerin zu finden und nur noch Fragen zu stellen. Ich traf Martina, die mir und damit auch vielen Hörerinnen und Hörern in den folgenden vier Jahren Fragen zu Sexualität und Partnerschaft beantwortete. Danach heirateten wir.

Was hat das mit der aktuellen Pädophilie-Diskussion zu tun?

Es ist einfach die Einleitung einer Begründung meines Vorschlags, auch dieses Thema zunächst getrenntgeschlechtlich zu diskutieren. In der aktuellen Diskussion geht es um männliche Sexualität und um ein System, in das sie eingebunden ist. Man kann die Hypothese aufstellen, dass dieses System ein patriarchalisches ist. Gerold Becker und Hartmut von Hentig sind Männer. Die bekannten Opfer waren Jungen und sind jetzt Männer.

Natürlich weiß ich, dass auch Mädchen Opfer pädophiler Übergriffe werden, doch wohl seltener als Opfer von Täterinnen. Es führt nicht weiter, wenn wir abstrakt von „Kindern“ und „Erwachsenen“ sprechen –  im Rahmen eines Herrschaftssystems von Männern. Frauen sind zwar stark im Kommen, besonders in der Pädagogik, Psychologie und auch Politik, jedoch innerhalb des alten patriarchalischen Systems, das sich als Demokratie definiert, obwohl einer Hälfte der Menschen darin nicht die adäquate Teilhabe an Macht, Gestaltung und Verteilung gewährt ist. Doch ist es überhaupt die patriarchalische Macht, die geteilt werden muss, oder wären auch andere kooperative Gestaltungsmodelle für die Veränderung und Weiterentwicklung von Wirklichkeit denkbar? Auf jeden Fall wäre es ein lohnenswertes Experiment, zunächst unter Männern in der Pädagogik (also nicht öffentlich über ein Internet-Forum) die Fragen ihrer eigenen Sexualität zu diskutieren.

Als heikler Punkt erscheint mir dabei (ich kann hier nur über meine therapeutischen Erfahrungen sprechen), dass fast jeder pädophile Klient nach vielen Sitzungen von eigenen sexuellen Erlebnissen als Kind oder Jugendlicher mit einem Mann spricht. Teils als abenteuerlicher Bericht eines unfassbaren Erlebnisses, teils als traumatisch abgespaltenes Erleben. In beidem wird aber ein Gefühl bewusst, das wie fremd implementiert wirkt, ein Gefühl der Angst, des schlechten Gewissens, der Triebohnmacht, des Selbst-Täterseins. Ich nenne das „das Tätergefühl“, das übertragen wurde. Es ist hilfreich, dieses Gefühl als „übertragenes“ fremdes Gefühl zu erkennen, das durch Manipulation von kindlichem Vertrauen direkt im offenen Herzen des Kindes landet, weil sich ein Kind in dieser Situation hilflos oder auch neugierig öffnet.

Von Missbrauchten, Missbrauchern und der Volkspädagogik

Wenn viele Täter in einer früheren Lebensphase auch Opfer waren, dann brauchen wir ein anderes Täter- und Opferverständnis. Natürlich wird nicht jedes ehemalige Opfer auch Täter – aber jeder Täter war vielleicht auch selbst „Opfer“. Der Begriff Opfer ist jedoch wie ein Stigma, in sich abgeschlossen und einsperrend. Er bedeutet  psychotherapeutisch eine Verkapselung. Genau wie der Begriff „Täter“ eine Öffnung erfahren muss, wenn Therapie sinnvoll werden soll. Die beiden Begriffe sind in Deutschland historisch-politisch besetzt. Sie haben daher beide in ihrem emotionalen Begriffshof eine vermeintliche Unumkehrbarkeit eingraviert, die aus den Schrecken der Nazi-Herrschaft stammt. Sechs Millionen Juden sind tatsächlich unumkehrbare Opfer, und die, die daran mitgewirkt haben, bleiben unwiderruflich Täter. Doch ein Kind, das viel zu früh in die Sexualität eines Erwachsenen gezogen wurde, kann überleben, muss nicht zwangsläufig psychisch erkranken und kann, wenn es Schaden nimmt, therapiert werden. Ein Täter, der seine sexuelle Gier nicht unter Kontrolle hatte, KANN lernen, kein Täter zu werden.

Ich stelle allerdings häufig ein Fehlverständnis von der Entstehung psychischer Krankheiten fest: Die Annahme einer „mechanisch“ erfolgenden Traumatisierung ist falsch. Das betrifft auch frühe sexuelle Erfahrungen mit einem erwachsenen Mann. Ich kenne Menschen, die diese Erfahrung ohne Trauma überstanden haben, und es widerspricht auch der Krankheitslehre der Psychologie, dass es lediglich die realen Ereignisse sind, die eine psychische Krankheit verursachen. Wir könnten sonst den Begriff der Krankheitsdisposition völlig streichen. Aber mir ist bewusst, dass hier viele Tretminen von Übertragung und Gegenübertragung liegen, die in der Therapie zwar hilfreich – im öffentlichen Raum aber kriegerisch sind. Therapie im öffentlichen Raum funktioniert NICHT.

Sollten wir nicht froh sein über jedes Kind, das ein solches, seiner eigenen sexuellen Entwicklungsphase noch nicht entsprechendes Erlebnis auch ohne Trauma verarbeitet hat? Besonders, wenn es dabei Verführung, Gewaltanwendung oder Erpressung erlebt hat. Wir sollten dieses Kind nicht noch nachträglich traumatisieren, weil Phantasien von unbeteiligten Erwachsenen über das Geschehene keine Grenzen kennen. Es kann nur unser aller Interesse sein, Missbraucher nicht zu diabolisieren und Missbrauchte nicht zu schädigen, indem ihnen nach der Tat ein unauslöschbarer Schaden als eindeutig suggeriert wird.

Jeder Therapeut weiß, wie schnell solche Schäden zu verursachen sind, selbst wenn ein Patient nur glaubt, er wäre missbraucht worden und der Therapeut zu schnell darauf mit dem ganzen Programm einsteigt. Ebenso verhält es sich allerdings mit tatsächlich Missbrauchten, die vielleicht hierin gar nicht die Wurzel ihrer psychodynamischen Störung haben, oder die bereits selbst Missbrauchsphantasien produzieren. Nochmal: Vom Missbraucher kann, wenn das Kind sich öffnet, eine krude Gefühlswelt übertragen werden – ebenso wie Liebe übertragen werden könnte. Dass dabei aber gleichzeitig strafrechtlich eindeutig verbotene Handlungen ausgeführt werden, wirft alles zusammen in einen Strudel von bildlichen, emotionalen und situativen Gedächtniseintragungen bei beiden(!), die vielleicht abgespalten, aber jeder Zeit als Erinnerungen aktiviert oder stärker verdrängt werden können.

Der missbrauchende Mann enteignet durch Übertragung das Kind von seinen Gefühlen der Unerfahrenheit, die er als Unschuld empfindet und wie eine Droge gegen seine eigenen Schuldgefühle einsetzt. Dieser konkrete Gefühlsaustausch ist intim, sehr unfair und darum unmoralisch. Das Kind nimmt die Schuld- und Tätergefühle wahr und diffus in sich auf und ist dadurch gefährdet, sie beim Erinnern als „eigene Gefühle“ zu interpretieren, sie immer wieder erneut abzuspeichern und damit zu verstärken.

In der Therapie geht es bei den Missbrauchten um das Erinnern von solchen Täter-Gefühls-Übertragungen. Es geht auch um die Erkenntnis, dass es sich lediglich um übertragene Gefühle eines anderen handelt, um Gefühle, die nicht Bestandteil des frühen Selbstempfindens waren.

Bei den Missbrauchern geht es um das Loskommen von dieser Sucht nach „Unschuld“ und „Reinheit“. Es ist heikel anzusprechen, dass diese starken Schuldgefühle von Pädophilen zunächst reduziert oder sogar ganz abgebaut werden müssen, denn die Volkspädagogik geht immer noch davon aus, dass das Erzeugen von Schuldgefühlen eine Erziehungsmethode sei, etwas nicht zu tun. Doch es sind gerade die Schuldgefühle, die Männer dazu bringen, aggressiver zu werden und Impuls-Kontroll-Verluste zu erleben. Arbeitshypothese: Ein pädophil veranlagter Mann kann nur dann seine Sucht nach „Unschuld“ und „Reinheit“ in den Griff bekommen und lernen, seine entsprechenden Impulse zu kontrollieren, wenn er sich nicht als schuldiger Außenseiter der Gesellschaft erlebt und glaubt, nur noch als Unschuld saugender Vampir überleben zu können. Parallelen zum Jungfrauen-Kult in mit Schuldgefühlen arbeitenden Religionen wären durchaus diskutierbar.

Es bringt aber nichts, wenn Frauen, die in ihrem erwachsenen Ego durch die pure Gewalt eines Mannes zu dessen sexuellen Opfer wurden, ihre Wut darauf und ihren Hass darüber auf kleine Jungen projizieren und diese als noch schwächere Opfer und lebende Anklageschriften gegen Männer missbrauchen. Ja, ich spreche hier ebenfalls von Missbrauch, denn auch diese Gefühle von Frauen kann ein Junge wahrnehmen und als die eigenen nachphantasieren und in sich aufnehmen. Es stimmt, dass immer noch Frauen und Kinder die Schwachen der Gesellschaft sind. Es ist aber für die Entwicklung von Jungen fragwürdig, als kleine Stellvertreter für das Leid der Frauen von Frauen unbewusst (!) instrumentalisiert zu werden

Zwischen Stammtischen, anonymen und öffentlichen Diskursen im Netz

Die Frage, wie man das im Internet – mit all seinen Aliasnamen und anderen Möglichkeiten, sein Geschlecht zu verbergen – hinbekommt, ist momentan gänzlich offen. Die diskutierenden Gruppen sollten sich also persönlich kennen und ein gemeinsames Vertrauen entwickeln, um dann auch online als geschlossene Gruppe weiter zu diskutieren. Von einem offenen Forum, angebunden an eine – wie auch immer geartete Webseite – die auch noch die Mitschuld eines möglichen Mitwissers diskutiert, halte ich gar nichts.

Ich forsche seit 25 Jahren zur Kommunikation im Internet und stelle mit zunehmendem Grauen fest, dass diese Art der mehr oder weniger anonymen Kommunikation etwas ins Heute zurückbringt, das durch die kulturelle Entwicklung der Menschheit ins Unbewusste verdrängt worden war – nämlich das „Tier in uns“. Ich kann hier nur aus der Sicht des Mannes sprechen. Vielleicht gelingt es Frauen besser, auch in anonymen Chats im Internet ihr erwachsenes Ich auftreten zu lassen. Bei Männern erlebe ich eine eindeutige Dominanz des ES, das oft liebevoll als „das innere Kind“ bezeichnet wird, im Internet aber tatsächlich gern als unkultiviertes Tier ohne regulierendes ÜBER-ICH auftritt. Auch das andere Extrem in Internet-Diskussionen, nur dem ÜBER-ICH die Führung anzuvertrauen, brächte die Debatte nicht weiter. Besonders unfruchtbar und chaotisch wird es, wenn die ES der einen auf die ÜBER-ICHs der anderen prallen. Ich glaube, der aktuelle Stand der Internet-Entwicklung unterstützt noch nicht wahrhaftige und fruchtbare Diskussionen zwischen erwachsenen ICHs, wie es in definierten sozialen Situationen (manchmal!) möglich ist.

Noch komplizierter kann es werden, anonym öffentlich über konkrete Erlebnisse zu diskutieren. Dadurch kann Sexualität als Pornographie erscheinen. Dabei ist zu bedenken, dass auch Kinder solche öffentlichen Foren lesen können. Was für ein Gefühl wird sich bei Ihnen einstellen, wenn sie von „der Tötung einer Seele“ während eines kindlichen Sexualerlebnisses hören? So furchtbar es anmuten mag, das als Sexualerlebnis zu bezeichnen, es ist es aber für das betroffene Kind. Soll bei betroffenen Kindern zu dem bereits Erlebten nun auch noch die Jauche einer ganzen Gesellschaft geschüttet werden? Wenn Jungen erwachsene Männer als mögliche Täter präsentiert bekommen, obwohl sie gerade selbst Mann werden wollen, dann wäre es ein falsches Mann-Bild, das hier präsentiert wird. Die Gefahr, sich mit so einem Täter zu identifizieren, wächst vielleicht unbewusst mehr als es abschreckt, und es ist auch wiederum nur Laienpsychologie, anzunehmen, jedes Kind wäre bisher im Paradies aufgewachsen und frei von Schuldgefühlen in Bezug auf seine erwachende Sexualität.

Die Generation meiner Väter hatte für die Einordnung der sexuellen Selbsterkenntnis oft nur ein Lexikon, wenn sie Glück hatte, im Bücherschrank ihrer Väter, und da stand einiges über Pädophilie, Selbstbefriedigung und anderes „Teufelszeug“. Ewige Schuldgefühle und die Sicherheit, auf keinen Fall mehr in den Himmel zu kommen, waren nach dem Lesen gewiss. Und Wahnsinn – es ging sogar um Kinder dabei. Allerdings nur als Opfer von erwachsenen Männern oder als kindliche Täter durch Selbstbefriedigung. Nichts jedoch über normale Doktor-Spiele und die natürlichen Phasen kindlicher bis jugendlicher Sexualentwicklung und die gesunde Eigenständigkeit der Selbstbefriedigung.

All das glaubten wir überwunden, doch es muss am Beispiel des Internets neu diskutiert werden! Aber nicht in anonymer Diskussion. Ich bin für eine Erweiterung des Internets – heraus aus dem anonymen in einen öffentlichen Bereich, in dem Bürger mit Gesicht und Stimme diskutieren wollen, die sich dazu der bürgerlichen Verantwortung und demokratischen Akzeptanz stellen und per Post-Ident anmelden. Alles andere ist Tratsch, Stammtisch, privat und führt uns zurück zum sogenannten „gesunden Volksempfinden“. Die anonymen Bereiche könnten daneben weiter existieren, doch dem Privaten zugeordnet sein. Nur weil Wahlen geheim sind, muss eine politische Diskussion keineswegs anonym geführt werden. Die Diskussion über Pädophilie im Internet ist eine hochpolitische Diskussion, denn es gab bereits Gesetzesänderungen, obwohl die Wissenschaft noch nicht einmal Atem geholt hat. Die Politik sah aber bereits den verschmolzenen und sich selbst rekrutierenden Druck von Medien und Internet als Lawine auf sich zurollen. Diese Gesetzesänderungen zur Verschärfung des Sexualstrafrechts werden aber noch einmal in Ruhe überdacht werden müssen, denn die Gerichte sind dabei genauso im Kalten stehen gelassen worden wie die Therapeuten. Politiker müssen auch erst lernen, sich nicht vom Internet-Stammtisch hetzen zu lassen.

Vom Privaten, Öffentlichen und der Laienpsychologie

Ein letzter Absatz zu Hartmut von Hentig, den ich persönlich nicht kenne und der eine Generation repräsentiert, die ich als junger Mann gern verscheucht hätte, jetzt aber verteidigen muss: Ich frage mich, ob es fair ist, ihn prototypisch an den Pranger zu stellen. Er hat, wenn ich das richtig verstanden habe, seine eigene Homosexualität ein Leben lang bewusst verborgen. Erst als er durch die Taten von Gerold Becker als Mitwisser verdächtigt wurde, wurde er einer eigenen hochnotpeinlichen sexuellen Hinterfragung unterzogen. In diesem Zusammenhang wurde Hartmut von Hentig zwangsgeoutet – nicht als pädophil – ABER (Donnerwetter!) als HOMOSEXUELL und als Freund von Gerold Becker. Und so ist das Ganze jetzt ein Knäuel aus verschiedenen Tabus, das munter immer dicker wird.

Aber wenn es schon reicht, auch Phantasien von Unbeteiligten darüber als naheliegende Behauptungen zu verbreiten, dann ist es noch nicht weit her mit der gesellschaftlichen Gleichstellung von Hetero- und Homosexualität. Auch dass es sich bei den beiden um ein Liebespaar handeln müsse, und dass, da diese Mutmaßung sicher auch stimme, daraus eine Gauner-Moral entstünde, die das Schweigen Hartmut von Hentigs erkläre: Diese Konstruktion ist haarsträubend! Ich habe noch nie so viel Laienpsychologie, Häme, Pädophobie, Angst (selbst in den Strudel gezogen zu werden) und subtilen Schwulenhass zusammen erlebt wie in diesem Fall. Was für ein Wirrwarr!

Homosexualität hat genauso viel oder wenig mit Übergriffigkeit zu tun wie Heterosexualität. Wäre statt Hartmut von Hentig eine heterosexuelle EheFRAU an Gerold Beckers Seite gewesen, hätte jeder diese arme Frau bedauert oder gedacht: „Aber sie hätte doch etwas merken müssen! Auch und vor allem, weil er sich für sie kaum sexuell interessierte…!“ Genau, drehen wir diese Metapher also wieder zurück: Weil sich ein pädophiler Mann kaum für einen Erwachsenen sexuell interessiert, wird das auch nicht eintreten, wenn dieser Erwachsene ein schwuler Mann ist. Hier scheint ein alter, aber noch nicht ausgelöschter Begriff zu wirken, der „das alles“ als „Perversion“ klassifizierte. Schnell packt diese falsche Begriffszuordnung die beiden in eine Kiste. Irre ich mich, oder fallen wir hier gerade weit zurück in traurige Zeiten?

Hentig und Becker waren wohl eher sehr enge Freunde. Aber selbst, wenn es für den einen Partnerschaft war –  seit wann werden „Fremdgänge“ gegenüber dem eigenen Partner kommuniziert? Noch dazu, wenn sie mit anvertrauten Knaben begangen wurden?  Diese Vermutung erscheint mir jedenfalls weltfremd. Außerdem kenne ich keinen Pädophilen, der eine „Tarnpartnerschaft“ mit einem Schwulen eingeht. Diese beiden sehr verschiedenen sexuellen Präferenzen scheinen trotz aller Phantasie nicht kompatibel. Sonst wäre der Ausweg aus der Pädophilie ja auch recht einfach.

Wollen wir wirklich wieder Homosexuelle an den Pranger stellen? Der Homosexuelle – der natürliche Verbündete des Pädophilen? Wo leben wir denn? Natürlich können sich Homophobie und Pädophobie hier in gefährlicher Eintracht gegen einen Homosexuellen verbünden. Doch dann geht es wieder mal gegen die Homosexualität und konkret gegen einen Menschen, dem ich es nicht verdenken kann, sich nicht selbst als homosexuell geoutet zu haben.

Hartmut von Hentig ist 90 Jahre alt, hat die Sittengesetze der Weimarer Republik, die Verfolgung der Nazis und die Prüderie der jungen Bundesrepublik überlebt und sich vor 20 Jahren – im Alter von immerhin 70 Jahren – nicht mehr getraut, sich an die Spitze der Schwulenbewegung zu stellen. Mir ist das verständlich, und ich finde es geschmacklos, seine Selbstbestimmtheit jetzt wegzureißen, in Frage zu stellen und Spekulationen über eine „Lebenspartnerschaft“ (gemeint: Kumpanei) auszusetzen. Sippenhaft, Sippenverfolgung und Ersatzlynchen sind Dinge die wir aus unserer Kultur und unserem Rechtssystem verbannt haben. Es gibt keinen, aber auch gar keinen Grund, sie wieder zu zulassen.

Wenn das Thema Pädophilie jetzt als Schimäre herhalten soll, um das Private ins Öffentliche zu zerren, um mit Gewalt ins Intime einzubrechen, wie es in dieser Form ohne das Internet undenkbar war, dann stehen uns keine guten Zeiten bevor. Wenn ich Hannah Ahrendt richtig verstanden habe, bereitet das Auflösen des Privaten (Schutzraum der Seele) und das Eindringen des Öffentlichen in diesen privaten Raum nicht nur der kindlichen Entwicklung erheblichen Schaden, sondern auch der erwachsenen Individualität und damit der Gesellschaft. Der des Privaten beraubte Mensch neigt zur Radikalisierung und die Gesellschaft damit zur Faschisierung. Es wäre der Nährboden für Diktaturen.

Das Schutzalter für Jugendliche auf 18 Lebensjahre hochzusetzen, kommt einer sexuellen Entmündigung Jugendlicher gleich

Wir müssen uns um die Rechte der Kinder kümmern, ohne deren Anspruch auf Autonomie abzuerkennen. Jugendliche sollten genau so wenig verkindlicht werden wie Frauen. Es ist ein alter patriarchalischer Überlebenstrick, den Beschützer und Behüter, in seiner Höchstform den guten Vater Staat, hervorzukehren. Doch der Staat hat im Privaten nichts zu suchen, er repräsentiert das Öffentliche. Immer wenn es ihm gelingt, ins Private einzudringen, läuten die Diktaturmechanismen. Das Schutzalter für Jugendliche auf 18 Lebensjahre hochzusetzen, kommt einer sexuellen Entmündigung Jugendlicher gleich. Das Wahlalter soll auf 16 herunter –, aber die sexuelle Selbstbestimmtheit auf 18 heraufgesetzt werden? Fällt dieser Widerspruch nicht auf?

Es besteht doch ein breiter gesellschaftlicher Konsens, dass es bei uns Menschen um die Möglichkeiten sexueller Selbstbestimmtheit geht. Dabei ist das eigene Verständnis von sexueller Selbstbestimmtheit die Grundlage, diese Selbstbestimmtheit auch bei einem anderen zu verstehen, zu achten und zu respektieren. Der Gesetzgeber konnte mit Gesetzen bisher nie Gesetzesverstöße verhindern, sondern immer nur einen Katalog der darauf folgenden Strafen anbieten. Alles andere muss das Individuum in seiner jeweiligen Kulturgesellschaft internalisieren. Darum wäre es sinnvoll, den sexuellen Jugendschutz nicht als erweiterten Kinderschutz gesetzlich fortzuschreiben, sondern als Schutz der sexuellen Selbstbestimmtheit in einer Phase des komplizierten Erwachsenwerdens mit sehr unterschiedlichem Reifealtern. Dazu wäre es sinnvoller, das „Nein-heißt-Nein!“-Gesetz auch auf Jugendliche auszudehnen.

Jetzt kann es passieren, dass ein schwuler Sechzehnjähriger und sein neunzehnjähriger Freund in die Sphäre von staatsanwaltlichen Ermittlungen geraten, weil der Vater des Sechzehnjährigen den Neunzehnjährigen anzeigt, um seinem Sohn die Homosexualität auszutreiben. Das frühestmögliche Heiratsalter soll im nächsten Schwung auf 18 fixiert werden. Frühehen (weil ein Paar sich, in den Augen des Gesetzgebers viel zu jung liebt oder sogar ein Kind bekommt) sollen damit verhindert werden. Wem hilft das eigentlich weiter – dem Kind, der Mutter? Okay – dem jungen Vater. Aber der sitzt dann möglicherweise im Gefängnis. Quo vadis? Die Sexualität war schon immer ein Feld, in das sich der Staat gern eingemischte – oft mit verheerenden Folgen für Einzelne und die Gemeinschaft. Da der Staat aber gerade in einer Demokratie opportunistisch auf sich bildende Mehrheiten reagiert, muss der noch bedeutender zur Demokratie gehörende Minderheiten-Schutz durch die Zivilgesellschaft verteidigt werden.

Warum wird Porno im Internet nicht generell unter Strafe gestellt, warum nur für „Randgruppen“?

Meine Kapazität jedenfalls, Menschen in meiner Praxis aufzunehmen, die per Gerichtsbeschluss Psychotherapie (wegen pädophiler Vorkommnisse) machen sollen, ist erschöpft. Seit dem Fall Edathy werden zunehmend Männer justizbekannt, die sich Pornos mit Jugendlichen unter 18 heruntergeladen haben. Es sind viele Lolita-Pornokonsumenten dabei, die gar nicht pädophil sind. Wie heißt eigentlich die Krankheit von denen?  Es kann nicht das Anliegen einer aufgeklärten Gesellschaft sein, die geltende Moral eins zu eins im Straf- oder Ordnungsrecht abzubilden. Das wäre eine Regression des säkularisierten Staates zurück zum Weltanschauungs-Staat.

Warum wird Porno im Internet nicht generell unter Strafe gestellt, warum nur für „Randgruppen“? Bei Rauschgift stehen die Herstellung und der Vertrieb, nicht aber der Konsum zum Eigenbedarf im Strafkatalog. Was wollen wir pädophilen Menschen anbieten, die aufrichtig nicht Täter werden wollen aber auch in der Gefahr leben, sich im Internet zu kriminalisieren? Sie sollen als erste durch Konsumverzicht die Wurzeln der kriminellen Produktion trockenlegen? Bitte – dann sollten wir anderen auch auf alle Produkte verzichten, die durch die Ausbeutung von Kindern entstanden sind!

Steckt hier etwa die Auffassung dahinter, dass der regelmäßige Konsum von Pornos im Internet gerade die Pädophilen aktiviert, doch übergriffig und zum Täter zu werden? Mir ist nur bekannt, dass der Konsum von Porno im Internet zu einer allgemeinen Abnahme der real gelebten Sexualität führt. Das beklagen vor allem Frauen, die sich wundern, was mit den Männern los ist. Das beklagen aber auch Männer, die kaum noch auf der Suche nach einer realen Frau sind.

Keine sexuelle Präferenz unterliegt dem freien Willen. Ich kenne keinen Pädophilen, der froh ist, mit dieser sexuellen Präferenz ausgestattet zu sein; viele Therapiesuchende haben einen hohen Leidensdruck. Sublimierung kann für differenzierte Persönlichkeiten ein Ausweg sein. Insgesamt aber gibt es in Deutschland viel zu wenige Psychotherapeuten mit Kassenzulassung und unter ihnen nur sehr wenige, die sich dem komplizierten Thema Pädophilie stellen.

Es ist ein Problem von Männern im System einer sich nicht von innen heraus definierenden Männlichkeit. Wir sollten unter Männern, die beruflich mit Kindern zu tun haben, offen aber nicht öffentlich darüber reden. Interessenten können sich bei mir melden:

manfred.schoenebeck@web.de

 

Manfred Schönebeck ist Fachpsychologe und Psychotherapeut in Berlin und Direktor des Instituts für Innovationstransfer und Projektmanagement der Internationalen Akademie Berlin (INA).

2Kommentare

  1. christiane brückner

    Hallo Herr Schönebeck,

    als ehemalige Odenwaldaschülerin finde ich Ihren Text doch sehr irritierend.
    Wieso müssen Sie über die Beziehung von Gerold Becker und von Hentig mutmaßen, wenn es klare eigene eindeutige Aussagen gibt?
    Was soll diese Aussage, dass der arme von Hentig in späten Jahren zwangsgeoutet wird? Und wo bitte ist der Unterschied, ob es sich um einen schwulen Partner oder um eine heterosexuelle Ehefrau handelt? Was soll dieses Konstrukt?
    Und was soll Missbrauch als „Fremdgang“ ?????
    Was und wen verteidigen Sie vermeintlich gestärkt durch den Mantel Ihres beruflichen Titels??
    Was hat der jahrzehntelange Missbrauch von Becker u.a mit Homosexualität und dem Ansehen in der Gesellschaft zu tun?
    Wer bitte vermischt denn hier Homosexualität und Missbrauch, als habe das Eine mit dem Anderen zu tun, wenn nicht Sie?

    Hartmut von Hentig war oft genug auf der OSO und es war ein offenes Geheimnis, dass „Gerold was mit Jungs hatte“ – so hieß es damals, als es noch weniger Benennungen dafür gab als Dank vieler mutiger Menschen inzwischen.

    Es gäbe noch mehr anzumerken zu Ihrem Text, aber vor allem finde ich, dass Sie sich ziemlich in die Nähe der Täter rücken mit Ihrer Argumentation.

    Mit Gruß
    Christiane Brückner

    Antworten
  2. Manfred Schoenebeck

    Liebe Frau Brückner,

    ich kannte den Täter gar nicht. Aber ich behandle als Psychotherapeut viele solcher Täter und aber auch Opfer. Psychotherapie geht nicht ohne das Aufbauen einer „Nähe“. Wenn mich das allerdings disqualifiziert, wie soll dann ein psychotherapeutisches Angebot an Pädophile aussehen, um zum Beispiel kein Täter zu werden??

    Ein Gedanke, warum ich in meinem Beitrag Pädophilie und im angesprochenen Fall Homosexualität zusammen betrachtet habe – ich halte die Unterscheidung, ob jemand „auf Kinder steht“ oder entweder auf Mädchen ODER Jungen für wichtig. Ich halte es auch für wichtig, das genaue Präferenz-Alter zu bestimmen und nicht einfach „alles unter 18“ als Kinder zu bezeichnen.

    Ich wollte aber auch provozieren und fragen, ob nicht auch eine immer noch vorhandene Homophobie hinter den Vorwürfen an H.v.H. steckt, denn wenn Pädophilie nichts mit Homosexualität zu tun hat – warum wird dann H.v.H. als schwuler Partner von Gerold Becker verortet. Das wäre ja zumindest ein Widerspruch…

    Der Angriffston, den Sie jedoch gegen mich anschlagen, verwundert und verletzt mich.

    Herzliche Grüße,
    Manfred Schönebeck

    Antworten

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