# Ein Wunderwerk

„Das Buch mindert nicht das Leid der Missbrauchten, es erstattet Hentig nicht seine in Verfemung mit Telefonterror und verschmierten Hausfassaden verbrachten Jahre, aber es rückt die Verhältnisse zurecht. Und es gibt einem Mann seine Ehre als sokratischer Denker zurück, der ein Menschenleben dem Dienst am Geist gewidmet hat.“ Eine Buchkritik von MICHAEL FIER.

Lange habe ich mich gefragt, was aus dem bekanntesten Pädagogen Deutschlands geworden ist – nach dem allgemeinen Verriss in sämtlichen Qualitätsmedien und der reflexhaften Weigerung seiner bisherigen Verlagshäuser, weitere Schriften zu veröffentlichen. Hartmut von Hentig war in den aktuell tiefst möglichen Sündenpfuhl geraten und weigerte sich, die entsprechende Selbstbesudelung zur Kenntnis zu nehmen.

Wenn er jetzt ein Buch schrieb, so musste es also für die interessierte Öffentlichkeit vordringlich um die Frage gehen, ob er denn nun zum Kotau bereit war. Für die, die sich für ihre Vertreter halten, DIE ZEIT gab sogleich den Ton vor, findet sich, das sei vorausgeschickt, die erwünschte Klärung z.B. auf Seite 599, auf der Hentig den Opfern die Verantwortung für das lange Schweigen zuschreibt. Mein erster Gedanke spätestens hier war zugegebenermaßen: Das geht gar nicht. Und auch Hentig (auf das „von“ hat er immer gerne verzichtet), der ganz untypisch für ihn an dieser Stelle „nur nachplappert“, was ihm passend scheint, hat wohl das dicke Brett gespürt, das hier vor seinem Kopfe hing. Doch während die alten Symbolverwalter seiner Zunft sich nur noch mit der Brettvermessung beschäftigen zu müssen glaubten, war für mich die eigentlich spannende Frage, ob der Neunzigjährige seinen Geist frisch genug gehalten hatte, um das Brett zu beseitigen. Weitere 766 Seiten hielten vielleicht Antworten bereit und ich hatte nicht 39,90 Euro ausgegeben, um so damit zu enden.

Schon vor diesem Punkt gab es ja auch einiges Andere zu sagen. Ernst Jünger schrieb einmal: „Wer sich in seiner Jugend angewöhnt, jeden Tag nur eine halbe Stunde zu lesen, kann mit sechzig in einem Palast wohnen“. Hentigs Pensum dürfte darüber gelegen haben – und er ist neunzig. So ist dieses Buch eben auch eine Einladung, ihn durch diesen Palast zu begleiten, bei seiner Unterstützung pädagogischer Wagnisse wie dem Entschulungsprojekt Wittenmoor oder dem Aufbau eines Heims für Straßenkinder in Kiew, auf seinen Reisen, seinen Wanderungen, bei seiner Lektüre, seinen Gesprächen, seinen Theater-, Kino- und Hörbuchpräferenzen. So man sich von den auch vorkommenden, aufgrund der Herkunft unvermeidbaren großbürgerlichen Motiven nicht verschrecken lässt – Franz Josef Degenhardt nannte ihn seinen „Freund aus der Oberstadt“ –unterhält und bereichert der im Ton zwischen um Präzision bemühter genauer Formulierung und Plauderei wechselnde Text in seiner Offenheit und Vielfalt ungemein.

Zeitweise hat man gar vergessen, worum es doch auch noch geht – die Affäre. In den Kapiteln 9 bis 17 tritt sie ins Zentrum. Kein Zeitungsbericht, kein Film, kein Brief, den Hentig nicht in extenso beantwortet, kommentiert, dann fragt und – häufig vergeblich – um erneute Antwort bittet, manchmal sind die Fragen daneben, seine so wie die seiner Widersacher, meistens aber zumindest nachvollziehbar. Sie führen weiter, Stück um Stück im Wunderwerk und dann plötzlich steht man dabei und sieht Hentig zu – beim Lernen.  Oft hatte er andere befragt, des Nichtwissens bezichtigt, des fehlenden Wirklichkeitsbezugs ihrer Symbolkonstruktionen – nun war er selber dran, hatte sich wie die anderen zu befragen so ehrlich und unvoreingenommen wie nur möglich. Das Grundwissen der Pädophilie-Forschung, beginnend schon 1901 mit Krafft-Ebing , das von Hentig bisher genauso wenig rezipiert wurde, wie es seine Widersacher beim Umgang mit dem Fall berücksichtig haben, aufbereitet ausgerechnet von seiner Patentochter Sophinette Becker wird ausgebreitet. Ausführlich zitierte Texte sollen Aufschluss geben über Schädigung und Schweigezwang der Opfer, Blindheit und Ausweglosigkeit der Täter, das Gewaltpotential der Beziehung, den Verdrängungszwang der Zusehenden.

Hiernach ist da ein anderer, ein aufgeklärter, ein sich aufgeklärt habender Hentig, der auch von seiner eigenen Sexualität jetzt freier berichten kann und eigentlich sein Buch neu schreiben könnte, wenn nicht gerade die nun offenkundig werdende Inkonsistenz unbeabsichtigt zum unverzichtbaren Stilmittel geworden wäre.

Für den, der bis hierher folgte, erledigt sich die in Buch und Film kolportierte System- und Verschwörungstheorie von allein.

Es mindert nicht das Leid der Missbrauchten, es erstattet Hentig nicht seine in Verfemung mit Telefonterror und verschmierten Hausfassaden verbrachten Jahre, aber es rückt die Verhältnisse zurecht. Und es gibt einem Mann seine Ehre als sokratischer Denker zurück, der ein Menschenleben dem Dienst am Geist gewidmet hat.

Michael Fier

2Kommentare

  1. Prof. Dr. Klaus-Jürgen Tillmann

    Die Buchrezension von Michael Fier unterscheidet sich wohltuend von den Besprechungen, die z. T. schon vor Erscheinen des Hentig-Buchs gedruckt und einhellig als „Verrisse“ angelegt wurden.
    Wer Hentigs Buch unvoreingenommen liest, wird auf einen Autor stoßen, der sich mit den Sexualdelikten seines Freundes intensiv und in schmerzhafter Weise auseinandersetzt – der zugleich aber darauf besteht, von den Übergriffen in der Odenwaldschule erst im Nachhinein erfahren zu haben. Dies ist die subjektive Wahrheit des Autors, die bei den Lesern auf unterschiedliche Resonanz stoßen dürfte.
    Hartmut von Hentig wird seit einigen Jahren wegen seines Verhaltens zu Gerold Becker massiv öffentlich angegriffen. In einer demokratischen Öffentlichkeit muss er die Möglichkeit haben, dazu seine eigene Sichtweise zu präsentieren. Genau dies geschieht in seinem jüngsten Buch.
    Es ist jenseits jeder demokratischen Fairness, wenn der Autor angegriffen wird, weil er seine Sichtweise publiziert hat, und dass der Verlag angegriffen wird, dass er dieses Buch veröffentlicht hat. Nicht eine pauschale Abwehr, sondern eine ernsthafte und kritische Auseinandersetzung mit Hentigs Text – so wie sie z. B. bei Fier erfolgt – ist notwendig.
    Prof. Dr.Klaus-Jürgen Tillmann

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  2. Christian Füller

    Lieber Herr Tillmann,
    Hentig schreibt ein Buch, in dem er sich 1.300 Seiten lang weigert, auch nur ein einziges Mal die Perspektive der Überlebenden einzunehmen. Er kennt sich mit Missbrauch und Pädophilie nicht aus. Der Alleskönner und Intellektuelle erster Güte plappert da nur nach, wie er sagt. Ich finde Herrn Fiers´ Rezension auch nicht schlecht – aber dass sich Hentig Opfern emphatisch zuwenden würde, kann ich nicht erkennen. Er hat nicht versucht, sie zu verstehen, ja ihr Leid anzunehmen und, viel wichtiger, ein Verständnis dafür zu entwickeln, dass Missbrauch auch dann „sexualisierte Gewalt“ bleibt, wenn keine physische Gewalt angewendet wird. (Und selbst die hat Gerold Becker ja angewandt – aber um das herauszufinden, müsste man in der Tat mit Überlebenden sprechen.)

    Hentigs Buch ist wichtig, weil es viele Innenansichten von Akteuren, auch Zeugnisse liefert. So sind sicher neue und vertiefende Blicke auf manche Vorgänge möglich. Und ich nehme es als Journalist ernst, wenn jemand beschreibt, wie sehr er sich belagert und bedroht fühlte durch meine Zunft. Da war vieles nicht in Ordnung. Aber wollen wir doch mal die Maßstäbe waren. Hier der Täter Becker, der mindestens 86 Übergriffen bis zur Vergewaltigung bezichtigt wird – und sich, gedeckt durch eine reformpädagogisch inspirierte Fan- und Professorenschaft um Hentig seinen Taten viele Jahre nicht stellen musste; 25 Jahre lang wurden die Überlebenden abgewiesen – immerhin Menschen, die an einer Schule, die niemanden beschämen wollte, betatscht, begrapscht und vergewaltigt wurden. Aber nun sollen vier Monate mediales Tosen das Verbrechen sein? Da verrutschen die Maßstäbe, finden Sie nicht auch? Hentig macht einen der ehemaligen Schüler nach allen Regeln der Kunst fertig, er, der Mann, der uns einen pädagogischen sokratischen Eid beibringen wollte, zersetzt den Mann geradezu und hält ihm vor, als 14jähriger schmachtende Briefe geschrieben zu haben. Das ist gruselig, abstoßend.

    Auch von Ihnen, Herr Tillmann, einem derer, die stets das Kind in den Mittelpunkt ihrer Pädagogik und ihrer Erforschung stellten, auch von Ihnen wären Empathie, Neugier und Aufklärung zu erwarten gewesen. Und, Sie haben Sie ja – für Hentig. Aber nicht für die Überlebenden. Schade. Das Sterben der Götter, es mag nicht enden. Beste Grüße, Christian Füller

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