gesammelte Leseproben

aus Hartmut von Hentig: „Noch immer Mein Leben“

Die folgenden Texte sind den 20 Kapiteln sowie der Einleitung und der Schlussbetrachtung des dritten Memoirenbandes „Noch immer Mein Leben. Kommentare und Erinnerungen aus den Jahren 2005 bis 2015“ entnommen.
Sie geben eine erste Vorstellung vom Inhalt und der Darstellungsweise der einzelnen Abschnitte dieses Buches. Die Leserin, der Leser seien gewarnt: Es handelt sich um Ausschnitte; sie brechen irgendwo in den Text ein und verlassen ihn irgendwo; die dabei berührten Tatbestände bleiben notwendig unvollständig; in ihnen begonnene oder gestreifte Argumente können in den 10 bis 20 Zeilen nicht ausgetragen werden.

Weiterleben
Aus: Zur Vorbereitung des Lesers

… Wer den Schluss meines zweiten Erinnerungsbandes gelesen hat, wird wissen, wie erfüllt und doch beruhigt mein Leben damals war, ja wie gefordert und zugleich gelassen sich der Bewohner des „Gartenhauses“ das Weiterleben dachte. Dann bekam dieses Leben einen Bruch. Aus Weiter-Leben drohte ein Ab-Leben oder doch Nach-Leben zu werden. Dass ich dies vermieden habe, will der Titel des dritten Teils meiner Erinnerungen vor allem ausdrücken. Nicht nur das dicke Memoirenbuch hat eine Fortsetzung, sondern mein Leben selbst; aus einem bloßen Weiterleben ist in einem ganz eigentümlichen Sinn mein Leben geworden – in seiner Kontinuität wie in seinem Wandel …

In der Pubertät  –  Bewährung statt Belehrung
Aus: Kapitel 1. Übergänge / Überhänge – eine Koda  zu meiner Pädagogik

… Bei der Entschulung der Mittelstufe ging es ja nicht nur darum, dass Unterricht im Klassenraum mit seinem paper-and-pencil-work und viel teacher’s talk in den Pubertätsjahren nicht nur nichts taugt, sondern zu Unlust und Aufsässigkeit, zu unnützem Verschleiß und bei vielen jungen Menschen zu Resignation führt, die nur schwer wieder zu vertreiben ist. Nein, es ging auch darum, dass sich in dieser Phase der Überdruss an der zu keinem Ende führenden Belehrung mit dem Drang zu physischer und psychischer Emanzipation verbindet: Die jungen Menschen lehnen die fürsorgliche Behandlung ab und suchen vor allem Selbsterfahrung – eine Bewährung in eigenen Gemeinschaften, nach eigenem Maßstab, mit eigenem Risiko.
„Bewährung“ war das belebende und verbindende Stichwort. Es hatte in meinem eigenen Lebenslauf eine große Rolle gespielt – selten in dem Glück einer geleisteten, häufig in der Wahrnehmung einer ersehnten oder versäumten Möglichkeit – und ein­drücklich in der Literatur, in der sich für mich die tragischen Bewährungs-Fälle von den „Trachinerinnen“ über „Hamlet“ und „Lord Jim“ bis zu „Demian“ nur so drängten …

Nach Preußen
Aus Kapitel 2: Reisen – „Sieh, das Gute liegt so nah“

… „Nah“ sind in Berlin nicht nur die „guten Dinge“, sondern vor allem auch
Lebensformen, Denkmuster, Haltungen, und, wie bei den Kunstgegenständen, sind viele von diesen eingeführt, nicht einheimisch. Einheimisch ist gewiss das Preußentum, das sich hier entwickelt, definiert und urbanisiert hat (…) Preußentum ist zunächst ein Produkt der Geschichte und als solches widersprüchlich, ein Gemenge aus erfreulichen und unerfreulichen Erscheinungen, die nicht notwendig aneinander ge­kettet sind. Das zum Beispiel, was wir Militarismus nennen, die Vorliebe für kriegerische Lösungen politischer Probleme, war so gut wie allen Herrschern der damaligen Zeit gemeinsam. In dem an Menschen und Gütern armen und rückständigen Preußen-Brandenburg jedoch waren ausreichend viele Soldaten und modernes Kriegsgerät nur unter Vernachlässigung aller anderen Ansprüche und bei einer alles durchwaltenden Disziplin zu haben, also bei dem, was man wohlfeil „Kadavergehorsam“ nennt. Die historischen Notwendigkeiten hierfür sind entfallen, und so kann man die schlimmen Übertreibungen vom Preußentum als Verhaltensprinzip und Lebensstil abstreifen und behält: Pflichtgefühl, Gemeinsinn, Tapferkeit vor dem Feind, vor dem Freund, vor den Mächtigen, Selbstdisziplin, „mehr sein als scheinen“, das Lob der Genügsamkeit, Sparsamkeit als Mittel, Gerechtigkeit als Maß, Freiheit als nie ganz erreichbares, aber überall, wo es geht, vorwegzunehmendes Ziel, die delicate balance von Gottesfurcht und Aufklärung. Daraus lässt sich ein durchaus erreichbares „Vorbild“ herstellen, das ja auch dann einen Sinn hat, wenn man es nicht erreicht …

Ein Heim für Straßenkinder in Kiew
Aus Kapitel 3: Kiew  – eine Ausnahme

… Wie schon angedeutet ging es bei dem Projekt „Our Kids“ in Kiew nicht um eine möglichst gute Versorgung von Straßenkindern, sondern um eine möglichst radikale Entsorgung eines ungeliebten politischen Systems. Staatliche und kollektive Fürsorge war falsch und verpönt; von kleinen ursprünglichen Symbiosen wie der Familie, der Hausgemeinschaft, dem Fußballverein versprach man sich hingegen die bessere Gesellschaft, nein, das bessere Leben. Aber die Vereine waren schon längst – auch unter den Sowjets – neben die Partei getreten und für viele an ihre Stelle; Nachbarschaft war in den Platten-Hoch­haus-Komplexen schwer wahrzunehmen oder gar neu ins Leben zu rufen; und den „biologischen Eltern“ (nie habe ich diesen Ausdruck so oft gehört wie in den sechs Kiewer Tagen) waren die Tom Weihe zugewiesenen Kinder ja gerade weggelaufen – wie fast alle run-aways in der Welt aus plausiblen Gründen …

Dichtung
Aus Kapitel 4: Bücher, Theater, Filme, Tondokumente – zwanglose Erlebnisse

… Es gibt offenbar Anlässe, aus denen man anders reden möchte, ja anders reden muss als sonst – in „poietischer“ und das heißt „hergestellter“, geformter oder auch verfremdeter Sprache –, so dass aus dieser Mitteilung ein unverwechselbares und nachdrückliches Ereignis wird. Das gilt insbesondere dann, wenn ganz persönliche innere Regungen zum Ausdruck drängen. Da muss ja nicht nur das Subjekt des Gefühls oder Gedankens eine besondere Anstrengung machen, um diesen Sprache zu geben, es muss auch der Hörer oder Leser eine andere Bereitschaft zu Wahrnehmung und Verstehen aufbringen. Die geläufige Konversationsprosa erzeugt die hier nötige gesteigerte Aufmerksamkeit nicht. Erst wenn das „Seelenereignis“ auf dem Kothurn des Metrums, der Verse, des Reims, gar mit der schwierigen Fügung daherkommt, dürfte der Rezipient seine Seelentüren öffnen.
Ein Beispiel: Auskünfte über die typischen Anlässe zu Gedichten, dachte ich, sollten sich auch aus dem 2011 erschienenen kleinen Gedichtband von Eva Zeller gewinnen lassen. Ich muss nicht zum Con­rady greifen. Diejenigen Anlässe, die hier schon beim bloßen Blättern ins Auge fallen, sind: Erinnerungen – noch wunde oder heilsam neu geweckte; Heimat – die verlorene oder unverlierbare; die Wirkungen von Kunstwerken – solcher, die ihrerseits einen Anschlag auf unsere Seele verübt haben, oder solcher, die Entzifferung verlangen, oder solcher, die ihre Botschaft kühn vor sich hertragen; die Sprache – ihre listigen Spiele, ihre Geheimnisse, ihre Wunder; Entdeckungen an und in der eigenen Person – bisher Unausgesprochenes, Verzicht oder Versöhnung, Liebesschrei oder Liebesdemut, Todesangst oder Todestrotz; der Glaube – seine sicheren Stützpfeiler Bibel, Gebet, Choral und seine Anfechtungen durch Glaubenskitsch, Glaubenszumutung, Glaubensträgheit.

Eva Zeller: Was mich betrifft. Gedichte und Balladen, in der Reihe: Literarische Broschur – Band 18, München 2011 (Verlag St. Michaelsbund), 96 Seiten, Euro 14,90

 

Den nützlichen Zweifel aufrecht erhalten
Aus Kapitel 5: Politik – Mitdenken, auch über den Tag hinaus

… Als mir im Jahr 2010 Klaus Meyer van Dettum einen von ihm erarbeiteten, mit Bildern und anderen Dokumenten bestückten Lebensbericht über „Max Windmüller, genannt Cor – Ein Retter im gewaltfreien Widerstand“ schickte und mich um ein Vorwort bat in der Hoffnung, damit einen Verleger für sein Werk zu interessieren, war ich – obwohl schon odenwaldschul-gelähmt – nicht nur sofort bereit, ich war dankbar für diese Gelegenheit, etwas zu tun und nicht nur zu trauern. Ich wusste bis dahin nichts von diesem außerordentlichen Mann – einem jungen deutschen Juden, der als Schüler von seinen Eltern nach Holland in Sicherheit gebracht wurde, sich als Holländer in den Sicherheitsdienst der Nazis aufnehmen ließ und aus dieser Position heraus zahllosen Juden das Leben rettete. Bei seiner letzten großen Rettungsaktion wurde er überführt und 1945 im Alter von 25 Jahren getötet. Ich erfand für mein Vorwort ein Elftes Gebot: „Du sollst nicht vergessen!“, auf das sich alle Völker oder doch ihre Führer und Weisen sollten einigen können (…) Dass es auch missbraucht werden kann – für Rache, überlebte Ansprüche, unnützen Stolz –, spricht nicht gegen das Gebot. Diese Anfechtung teilt es mit den meisten anderen Lebensregeln. Gleichwohl muss ich mich fragen, ob von dem, was man inzwischen „Erinnerungskultur“ nennt, nicht zu viel erwartet und damit der Irrtum allen Lernens aus der Geschichte bestärkt wird: „Wir wissen doch …, und also werden wir nicht …“. Ich hätte auch sagen können, dieser Irrtum werde so eigentlich erst hergestellt, weil das gediegene Wissen den nützlichen Zweifel beseitigt, ob wir auch handeln werden, wie wir handeln sollten …

 

Gegen den double-speak
Aus Kapitel 5: Politik – Mitdenken, auch über den Tag hinaus

… Auf der Frühjahrstagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung zogen die Dichterkollegen gehörig empört über Günter Grass und seinen Missbrauch des Gedichts für eine „unsäglich törichte“ Beschimpfung Israels her. Das Gedicht war nicht nur unstatthaft, es war als Schmähgedicht geradezu „unprofessionell“. Meine Wortmeldung hatte der die Diskussion leitende Präsident der Akademie als letzte angenommen. Ich sagte: „Günter Grass’ Gedicht tadelt in erster Linie mich – und alle, die sich ähnlich verhalten. Ich habe stets einen Bogen um die Tatsache gemacht, dass Israel ein vermutlich beträchtliches Atomwaffenarsenal besitzt und dass die Weltöffentlichkeit, jedenfalls die westliche, keinen Anstoß daran nimmt, gar Kontrollen verlangt und mit Sanktionen droht, wenn sie nicht zugelassen werden. Der Iran jedoch wird schon aufgrund von geheimdienstlichen Annahmen und aufgrund seiner eigenen Großsprecherei der Herstellung atomarer Waffen beschuldigt und zum Schurkenstaat erklärt. Was Günter Grass gesagt hat, muss gesagt werden, weil uns der double-speak nicht guttut. Ich bin Günter Grass dankbar, dass er mich von dem Zwang zu solcher Verlogenheit befreit.“ – Die Sitzung war zu Ende, es hat mich auch später keine Reaktion auf meine Äußerung erreicht …

 

 

Der Tod eines Bruders
Aus Kapitel 6: Familie und Freunde – Unentrinnbares

… Nach der Rückkehr aus Berlin ging es innerhalb von vier Wochen schnell dem Ende zu. Keine Nahrungsmittelaufnahme. Trinken eine noch gerade gemeisterte Qual. Viel Schlaf aufgrund der schmerzstillenden Medikamente. Zweimal riet mir Jutta ab zu kommen: Ich sollte ihn ja bei Bewusstsein erleben, womit sie offenbar fest rechnete. Am 23.10. brach ich, durch Rolands Darstellung seines Zustands alarmiert, von der Wildenburg auf und reiste nach Deining. Am Nachmittag, gleich nach der Ankunft, setzte ich mich zu ihm an sein Bett. Man ließ uns allein bis zum Abendbrot in zwei Stunden. Ein Schlauch, der ihn über die Nase mit Flüssigkeit versorgte, entstellte sein liebes Gesicht. Ich sprach zu ihm – leise und nur wenige Sätze, die ihm klarmachen sollten, wer da jetzt bei ihm war. Gelegentlich öffnete er die Augen, sah mich schweigend an und zog sich dann wieder in sein Inneres zurück. Ich harrte aus; die Tränen liefen stetig; die Gedanken kreisten um die Tatsache der „Endgültigkeit“ und schweiften dabei ab zu den an Gerolds Sterbebett verbrachten Stunden und Tagen. Die Ähnlichkeit des Abstiegs stand mir bewusst vor Augen – der Augenblick, in dem aus Abstieg ein Aufgeben wurde. Ein plötzlicher Griff nach meinem Arm, ein Zerren an seinem Schlafanzug, ein tiefes Stöhnen sagten mir, dass ich etwas zu leisten hatte, wusste aber nicht, was. Ich rief Roger, der es wusste und zusammen mit Jutta Ruhe und Ordnung wieder herstellte. Ich verließ den Raum – meiner Überflüssigkeit und Hilflosigkeit überführt. „Hilflos“, das heißt ja ohne Hilfe, Hilfe weder empfangend noch Hilfe geben könnend. Ich schämte mich, dass ich nun doch Hunger hatte, mir Juttas Abendbrot gut schmeckte …

 

Der amerikanische Freund
Aus Kapitel 6: Familie und Freunde – Unentrinnbares

… Kenneth Jacobson habe ich auf der Reise der OECD-Examiners im Jahre 1979 durch die USA kennengelernt – einen jungen jüdischen Autor, der mir fünfzehn Jahre später eines der aufregendsten Bücher schickte, die in meinen Regalen stehen (…) In seinem Buch „Embattled Selves“ hat Ken anhand von fünfzehn Lebensläufen das Problem der „Identität eines Menschen“ so gründlich aufgedeckt und so ergiebig dargestellt, wie man es von den zuständigen Wissenschaften umsonst erwartet. Nach seiner Disziplin befragt, hätte er wohl geantwortet: „Interest in human beings.“ Seine Methode nennt die Kritik „oral history“. Eine andere Legitimation und eine andere Kompetenz brauchte er nicht für den Auftrag, den er sich selbst gestellt hat. Bei den fünfzehn Personen handelt es sich um Juden, die als Kinder und Jugendliche in Nazi-Deutschland überlebt haben. Sie sind in dem Buch aufgeteilt in solche, die untergetaucht sind (Anne Franks Schicksal), solche, die lieber Deutsche waren als Juden und ihr Judentum verleugneten, also in die Hitlerjugend eintraten oder in sonstige Arier-Rollen schlüpften, solche, die von ihren Rettern zu guten Katholiken gemacht wurden, solche, die als Kinder nur eines jüdischen Elternteils (in der Nazi-Terminologie „Halbjuden“) zwischen zwei Polen hin- und hergerissen waren, und schließlich solche, die unter der Decke der Anpassung auch bei schwacher Kenntnis jüdischer Lebensart und jüdischen Glaubens im Inneren hartnäckig Juden blieben, neben Kindern, die nicht wussten, dass sie Juden sind und sich später heftig gegen ihren wahren Ursprung wehrten. Die Fülle und Ordnung der Varianten, die Schärfe der Gegensätze, die unterschiedliche Wirkung der späten Aufklärung ihrer Herkunft oder der Selbstprüfung und nicht zuletzt die Unaufhebbarkeit der Konflikte oder Spannungen machen aus dem Buch von Ken Jacobson eine fundamentale Menschenkunde. Dass er mich in den „acknowledgements“ als Ratgeber und Zuträger nennt, macht mich stolzer, als ein weiterer XY-Preis dies tun könnte …

 

Mein Bild von Gerold Becker vor den Enthüllungen
Aus Kapitel 7: Gerold Becker – wie ich ihn erlebt habe

… An dieser Stelle – wie auch an anderen – bitte ich meine Leser mein Vorgehen richtig zu verstehen. Wenn ich in diesem Kapitel über Gerold Becker „wie ich ihn gekannt habe“ viel Gutes sage, in einer für die meisten Zeitgenossen verwunderlichen Deutlichkeit, dann nicht, wie meine Kritiker immer wieder behaupten, um ihn zu „verteidigen“. Das kann ich nicht, selbst wenn ich es wollte. Ich habe in den fast vier Jahren seit den Eröffnungen vom März 2010 unzählige Male gelesen, wie an sich löbliche Eigenschaften, Taten und Worte, die man ihm zubilligt, als bloße Verstellung, als seine bewusst übergezogene Tarnkappe verstanden werden. Aus Gutem wird so Böses. Auch ihm und mir wohlgesonnene und kluge Menschen wünschen sich, dass ich einer positiven Beurteilung das „Aber …“ unmittelbar folgen lasse, ein Zeichen dafür, dass ich die schlimme Seite nicht aus dem Bewusstsein verloren habe. So halten sie es selber: Anerkennung – ja! Die wird nicht verweigert. Aber immer steht sie im Schatten des Missbrauchs.

Das muss jeder so halten, wie er es in seiner Lage für richtig hält. Ich bin beschuldigt – das ist meine Lage –, alles gewusst zu haben. Ich habe das immer wieder entschieden bestritten. In diesem Kapitel versuche ich wiederzugeben, wie Gerold Becker für mich einst ausgesehen hat ohne den Makel, mit dem er nun auch für seine Freunde behaftet ist …

 

 

Sharing
Aus Kapitel 8: Mit-Teilungen – wie ich sie dem Freund gerne machen würde

… Seit Jahren antwortet der Freund nicht mehr. Aber ich „rede“ noch zu ihm – was mich selbst verwundert. Weil ich es nicht laut tue, nenne ich den Vorgang lieber „Mit-Teilung“. Der trennende Bindestrich hebt das Teilen hervor. Dabei kann es sich dann auch um ein sharing von Nicht-Verbalem handeln – von Erlebnissen, Wahrnehmungen, Einsichten, Gefühlen. Es ist mir erst nach Gerolds Tod und nur allmählich bewusst geworden, dass ich das mir Wichtige teilen möchte – „teilen“ eben im Sinn von sharing, nicht von deviding oder splitting. Umgekehrt wird mir klar, dass, was sich aufteilen lässt, weniger wichtig ist als 
das, was als Ganzes „gemeinsam genossen“ oder auch „gemeinsam erlitten“ wird oder erprobt oder geplant oder geprüft oder gedacht oder geliebt. Und das möchte ich natürlich nicht mit jedermann, sondern nur mit mir wichtigen Menschen. Der wichtige Partner und die wichtige Mitteilung definieren sich gegenseitig …

 

 

Was ich immer als Erstes hätte sagen sollen
Aus Kapitel 9: „Götterdämmerung im Odenwald“ – Vorgänge und Nachrichten

…. Durch Schaden klug geworden, schicke ich diesem Kapitel die folgenden Sätze voraus:

Sexuelle Handlungen an, mit und vor Kindern sind falsch, auch wenn sie mit deren Einwilligung geschehen. Wer sie vollzieht, begeht ein schweres Unrecht, für das es keine Entschuldigung gibt. Sie werdenabscheulich“, wenn Täuschung, Gewalt und Erniedrigung im Spiel sind. Die Feststellung der Schuld, die Verfolgung und Ahndung der Taten obliegt der öffentlichen Gerichtsbarkeit.
Die kindlichen und jugendlichen Opfer der Straftaten haben mein tiefes Mitgef
ühl. Keines von ihnen hat seinen Schulleiter „verführt“ – dies habe ich freilich auch nie behauptet.

Es war ein Fehler, dies nicht immer schon als Erstes gesagt zu haben. Ich empfand es als kränkend, dass Journalisten, Kollegen und Zeitgenossen solche Bekenntnisse von mir forderten, dass ihnen also mein lebenslanges Handeln, Reden und Schreiben nicht genügte. Für diesen Stolz habe ich gezahlt. Ich hoffe, dass meine Überzeugungen und mein Verhalten – ihre Bedingung und Begründung – in dem Maße deutlich werden, in dem ich den „Odenwaldschul-Skandal“ aus meiner Sicht darstelle und erhelle (…) Meine Darstellung hält sich so gut, wie sich das machen lässt, an den zeitlichen Ablauf der auf mich treffenden „Nachrichten“ und der ihnen geltenden Kommentare. Beidem stelle ich Gegenäußerungen anderer, Dokumente, eigene Wahrnehmungen gegenüber, womit ich mich in der Regel begnügen kann, um meinen Zweck zu erfüllen.

 

Mir wird einfach nicht geglaubt
Aus Kapitel 10: Missbrauchte Arglosigkeit – ich gehe in die Falle

… Anfang, Ende und Verlauf des Gesprächs waren für mich nicht absehbar. Vermutlich auch für Tanjev Schultz nicht. Nur die „Logik“ des Ganzen stand für mich fest. Ich hatte sie auf einem Zettel in der Form von sechs Fragen notiert, die ich an Tanjev Schultz’ Stelle im Kopf hätte, um brauchbarer Auskunft teilhaftig zu werden. Der Zettel, der im Nebenzimmer auf meinem Schreibtisch lag, sah so aus:

  1. Was haben Sie, Hentig, von dem gewusst, was Gerold Becker vorgeworfen wird?
  2. Wenn Sie nichts gewusst haben – was haben Sie gedacht?
  3. Wenn Sie nichts gedacht haben – warum nicht?
  4. Wenn Sie doch etwas gewusst haben – was genau?
  5. Wie haben Sie darauf [= die Becker vorgeworfenen Taten] reagiert? Wenn Sie nicht reagiert habenwarum nicht?
  6. Wie lebt man dann mit dem Unausgesprochenen zwischen sich und dem anderen?

Die letzten drei Fragen durfte ich vergessen. Nachdem ich geantwortet haben würde: „Ich habe nichts gewusst“, waren sie erledigt, durfte ich doch damit rechnen, dass mir Tanjev Schultz glaubt (…) Überblicke ich nachträglich unser sich über fast drei Stunden hinziehendes Gespräch, ist mir klar, dass Tanjev Schultz mir dies zu keinem Zeitpunkt geglaubt hat …

 

 

Die eine Zeitung gibt das vernichtende Urteil der anderen wieder
Aus Kapitel 11: Fünf große Zeitungen brechen den Stab über mir – System

… Am 12.03.2010 lagen neun Fragen des SPIEGEL vor und bekamen (es war ein Freitag) am selben Tag eine Antwort – ein Bote holte sie ab –, sollte damit doch die Montags-Ausgabe noch erreicht werden. Diese kaufte ich am Morgen und fand unter der Überschrift „Kein böses Wort, kein Zweifel“ eine Auslegung meiner Antworten und den Vermerk: „Den vollen Wortlaut des schriftlichen Interviews mit Hartmut von Hentig lesen Sie in SPIEGEL-online.“ Wer würde das noch tun wollen, nachdem ihm auf einer ganzen Seite bedeutet worden ist, wie nichtig meine Antworten auf die „vielen, schrecklichen, intimen Fragen“ waren, die man „dem 84-Jährigen stellen muss“. Fragen wie: „Was hat Hentig gewusst? Was hätte er wissen müssen? Und ist seine Pädagogik mitverantwortlich?“ Statt gerafft wiederzugeben, was ich darauf geantwortet habe, teilt der Redakteur Markus Verbeet zunächst das „vernichtende Zeugnis“ mit, das mir die „Süddeutsche Zeitung ausgestellt“ habe: „Hentig leugnet, verdrängt und bagatellisiert“ und lässt dann als Bestätigung folgen: „Hentig schreibt von ‚erstaunlichen Unterstellungen‘, betont immer wieder, dass nichts bewiesen sei; (…) bisher seien ‚nur Aussagen gesammelt, nicht geprüft‘ worden“; „über seinen Lebensgefährten verliert er kein einziges böses Wort, nicht einmal ein Zweifel ist auf den 7 Seiten zu finden“ – was in einer Zwischenüberschrift noch einmal zusammenfassend hervorgehoben wird: „Kein Zweifel, keine Kritik, sondern ‚Bewunderung‘ für den Lebensgefährten“. Ein klares Indiz: Mehr ist aus dem von Hentig abgelieferten Stroh nicht heraus zu dreschen …

 

Ein Überblick
Aus Kapitel 12: Fünf Publikationen fordern eine Entgegnung – jedenfalls von mir:

In diesem Kapitel reagiert der Autor u.a. auf:

  • Christian Füller: Der Sündenfall. Wie die Reformschule ihre Ideale missbraucht.
  • Jürgen Dehmers: Wie laut soll ich denn noch schreien?
  • Die Odenwaldschule und der sexuelle Missbrauch.
  • Jürgen Oelkers: Eros und Herrschaft. Die dunklen Seiten des Eros. Und mehrere Aufsätze, Vorträge desselben
  • Zwei Dokumentarfilme:

Luzia Schmid und Regina Schilling: Geschlossene Gesellschaft.

Christoph Röhl: Und wir sind nicht die Einzigen.

  • Tilman Jens: Freiwild. Die Odenwaldschule. Ein Lehrstück von Opfern und Tätern.

 

 

Mancher Widerspruch widersetzt sich der Prüfung
Aus Kapitel 13: Fünf Mal Widersprüchliches – die Mythen der anderen

… Der Abstand zwischen früher Wahrnehmung und später Erinnerung „tells the story“. Auch diese wird jeder anders lesen und vor allem anders erklären. Entscheidend ist, dass man den Abstand wahrnimmt.

Auf den Seiten 1207 bis 1216d meines Manuskriptes folgen hier weitere Beispiele ähnlich gegensätzlicher Darstellungen des Schicksals oder des Verhaltens oder der Gefühle ehemaliger mit Gerold Becker verbundener OdenwaldSchüler, die ich ebenfalls aus rechtlichen Gründen hier wiederzugeben unterlasse. Ich tue es mit großem Bedauern, denn es handelt sich in allen (vier) Fällen um berührende Zeugnisse einer ebenso engen wie freien Beziehung und darüber hinaus um Hervorbringungen intelligenter und empfindsamer junger Menschen. – Nun streifen sie (oder andere) ab, was sie so sympathisch machte. Man fragt „warumund möchte dieses Wort eher mit einem Ausrufezeichen der Trauer als mit dem Fragezeichen der Wissbegier versehen (…)

Der Schriftsteller und Sozialpädagoge Martin Z. Schröder schreibt:

Wenn ein Erwachsener einen vierzig Jahre alten Fall sexueller Misshandlung beklagt, können Defizite der eigenen Persönlichkeitsentwicklung nicht die Beweise sein, als die sie angeführt werden, weil sie auch anders verursacht worden sein können, beispielsweise durch Vernachlässigung, Prügelstrafen, Spannungen im sozialen Gefüge wie in Scheidungsfamilien oder unter Schülern.       

Andererseits ist es natürlich ebenso möglich, dass die Berichte wahr sind und die Traumata erheblich. Wie soll also mit dem Vorwurf gegen Einrichtungen und Personen vernünftigerweise umgegangen werden?

(Trieb, Trauma und Kind, SZ, 23.03.2010)

 

Sten Nadolny
Aus Kapitel 14:  Fünf Menschen wollen mir helfen – ich habe von ihnen gelernt

Nadolny hat das in einem Brief, den er nach Gerold Beckers Schuldbekenntnis vom 18.03.2010 geschrieben hat, in einer Frage untergebracht, die er Gerold Becker heute stellen würde, wenn er ihm begegnete: „Wieso ließen Sie zu, dass Hentig für Sie im Sinn der Unschuldsvermutung kämpfte und dabei schwere Blessuren holte?“ (22.03.2010)
Das war Sten Nadolnys „Beistand“ – nun freilich nicht gegen die Schultz’ und Schindlers und Zastrows, sondern gegen den von Gerold Becker am Freund verursachten Schaden. Da ich Gerold Becker den Vorwurf von Sten Nadolny nicht mache, hat Sten Nadolny mir damals hauptsächlich dadurch wohlgetan, dass er mir meine Ahnungslosigkeit bedingungslos glaubte. Vermutlich war das der größte nötige und mögliche Beistand gegen das größte Unglück: den Verlust der Glaubwürdigkeit. – Und dies wiederum ist der stärkste Anstoß für meine Nachdenklichkeit, muss ich mir doch vorhalten, dass auch ich anderen Menschen – den anklagenden Opfern – die Glaubwürdigkeit verweigert habe…

 

Ein Überblick
Aus Kapitel 15: Fünf Ereignisse tun Wirkungen – lauter Kalamitäten

In diesem Kapitel geht es u.a. um

  • Gerold Beckers Tod am 07.07.2010 und die Empörung über die Todesanzeige
  • den Abschluss der Juristinnen Claudia Burgsmüller und Brigitte Tilmann über „sexuelle Ausbeutung von Schülern und Schülerinnen an der Odenwaldschule im Zeitraum 1960 bis 2010“ vom Dezember 2010
  • meinen Festschrift-Beitrag für Elmar Tenorth, nach dessen Abdruck im Februarheft 2011 der akzente
  • die Vergabe des Geschwister-Scholl-Preises an Jürgen Dehmers und Andreas Huckele im September 2012
  • meinen „Klärungsversuch“ vom Juli 2011 (nach Gerold Beckers Tod) – am 22.11.2011 veröffentlicht im Internetportal „Forum Kritische Pädagogik“

 

 

Abscheulich? Nicht wie ich mir seine Handlungen vorstellte
Aus Kapitel 16: Fünf Distanzierungen – Kummer

… Albrecht Schöne stößt sich an den ersten zwei Sätzen, die ich  hier wiederhole: „Sexuelle Handlungen an, mit und vor Kindern sind falsch – auch wenn sie mit ihrem Willen geschehen. Sie werden abscheulich, wenn Täuschung, Gewalt und Erniedrigung im Spiel sind.“ In dieser Frage vermag er – ein Großvater! – meine Unterscheidung von „falsch“ und „abscheulich“   nicht hinzunehmen. Der Dissens war gewichtig. Das „Beständige“ in unserer Beziehung, so ließ er mich wissen, bleibe seinerseits jedoch unberührt.

Ich empfand Kummer im Kummer. Albrecht Schöne traf die Stelle, an der Freundschaften ohne Rücksicht auf das, was die Freunde wollen, zerbrechen: wenn sie der „Verschiedenheit von Überzeugung“ innewerden. Ich mochte das nicht hinnehmen; ich versuchte noch einmal, die meine so zu erklären, dass Albrecht Schöne doch auch seine in ihr erkennen könne (…)

Albrecht Schöne und ich sehen uns weiterhin auf den Tagungen der Akademie; wir verhalten uns gesittet; Gespräche wie einst gibt es nicht mehr. Jedes Mal regt sich in mir die Frage, ob nicht hier „mein Anteil“ an der Misere zu suchen ist, nicht da, wo die Nadolnys und Harders ihn sehen – in mangelnder Demut –, sondern in einer falschen Grundeinstellung zum „sexuellen Missbrauch“. Muss ich nicht ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich mir Gerold Beckers Taten als etwas vorstelle, was ich zwar verurteile, aber nicht verabscheue?

 

Publizistische Verwahrlosung
Aus Kapitel 17: Folgen – nicht nur für mich

… Dass etwas so Abgründiges wie die Missbrauchsfälle in Schulen die Medien zunächst mehr zum Draufhauen als zum Nachdenken veranlassen, wird man ihnen nachsehen. Da kaum jemand wagt, ihre Berichterstattung und Kommentierung zu kritisieren, aus Angst, auf die falsche Seite gestellt zu werden, bleiben die Fehlunterrichtungen stehen. (…) Ich möchte fünf samples nachtragen, zwei, weil in ihnen eine spezifische Form der publizistischen „Verwahrlosung“ zum Ausdruck kommt, die man unter dieser Kennzeichnung nicht erwartet: die der völlig hemmungslosen Verdächtigung durch Assoziation; ein weiteres für die „Vergiftung“, die oft als einzige Waffe übrig bleibt, wenn der Beschuldigte die Beschuldigung überlebt; ein viertes für die Forschheit, ja Frivolität, mit der die eigentlich vom Gegenstand schon gelangweilten Journalisten ihren Schreibauftrag weiter bedienen; ein letztes für die hilflose Überhöhung, die sich aus dem Verzicht auf Aufklärung ergibt…

 

Man war an der Odenwaldschule nicht so frei, wie die Ideale dies vorschrieben
Aus Kapitel 18: Eine befreite Sprache – Bekenntnisse

… „Nichts entlastet mehr von Schamgefühl als das Delegieren der dunklen, befremdlichen Seite der eigenen Sexualität an einen Sündenbock. Und an ein Wort: pädophil.“, schreibt Evelyn Roll. Ich habe als frischgebackener Professor der Pädagogik bei der Lektüre des damals erschienenen Buches von Alex Comfort „Der aufgeklärte Eros“ (1963) am „eigenen Leib“ wahrgenommen, wie wenig aufgeklärt ich selber war, für wie viele, auch mir bewusste sexuelle Phänomene ich nicht einmal eine brauchbare Sprache hatte, ganz abgesehen von der Hemmung, über Sexualität überhaupt zu sprechen. Die Darstellung, die ehemalige Schüler der Odenwaldschule in den letzten Jahren von ihrem Umgang mit diesen Fragen gegeben haben, offenbart und ihr eigenes Verhalten beweist, dass man im Hambachtal nicht wirklich frei war, über das zu reden, was man auf diesem Gebiet sah oder was man selber tat oder was einem widerfuhr. Am wenigsten frei waren die Täter – sie waren ja von ihrer Veranlagung getrieben, an ihre pädagogischen Prinzipien gefesselt, vom Gesetz bedroht. Sollte die Odenwaldschule insgesamt so frei, so aufgeklärt gelebt haben, wie ihre Ideale vorschrieben, mussten vor allem die anderen in der Lage und geübt sein, die „Tatsachen“ auszusprechen und anzuhören, also das Tabu Pädophilie zu brechen. Angst und Widerwille, Versagen und Leiden, Begehren und Eifersucht, Neugier und Unwissenheit, Zärtlichkeit und Missbrauch kommen bei ihnen erst nach 30 oder 40 Jahren zur Sprache und dann nur noch als Zeugnisse einer ungeheuerlichen Perversion. Man hat nur die Freiheit, die man ausübt. In der lockeren Rede über Gerold Becker, der „auf Jungs steht“ und über den Musiklehrer, der „unter Artenschutz stand verschwand die einfache Wahrheit der Veranlagung dieser Pädagogen und der schweren Folgen derselben. Es blieb auch der „eigene Anteil“ ungesagt, der die Opfer später als Trauma heimsuchen sollte. Nach Susan Clancys Theorie sind ja dieser und das Gräuel, das die Gesellschaft mit der sexuellen Handlung verbindet, der eigentliche Auslöser der Störungen …

 

Die Themen des Selbstgesprächs der vergangenen zehn Jahre – seine Anlässe, Entdeckungen, Themen
Aus dem Kapitel 19: Altsein – Beschäftigungen, Befinden, 
Ur-Tatbestände

… Nicht nur, um das willkürliche „Soll“ von zehn Jahren zu erfüllen, 
sondern weil das große Selbstgespräch, das ich in der gesetzten 
Zeitspanne führe, mir diese Betrachtungen, Ahnungen, Zweifel 
auferlegt, werde ich die in der Überschrift zu „Beschäftigungen“ 
und „Befinden“ vereinfachten oder zu „Ur-Tatbeständen“ erhöhten Themen behandeln. Die letzteren drängen sich vor, nicht nur weil 
sie bedeutender sind, sondern weil in diesem letzten Lebensabschnitt sich die Beschäftigungen und das Befinden meist aus ihnen ergeben. Ja, es scheint eine gewisse Folgerichtigkeit in der Liste der 
Themen zu walten, die mir jetzt, da ich dies schreibe, in den Sinn kommen:

(1) die Wahrnehmung von Grenzen – der endgültige Verlust
(2) die Zeit als Maß aller Dinge – die Prüfung, wie ich mit ihr umgegangen bin
(3) es gibt keinen Auftrag mehr – dann muss ich mir wenigstens Aufgaben stellen
(4) sorgsamer und zugleich sorgloser leben – worauf ich mich freue
(5) erinnern und schreiben – verbleibende Tätigkeiten
(6) Unerfülltes – Montaigne, Musil, Musik
(7) 
noch immer Politik – Gefährdungen und Hoffnungen meiner polis
(8) die Familie als Heimathafen – Entdeckungen und Versäumnisse
(9) die Natur erfreut – und lehrt Geduld
(10) 
der Sinn, den ich suche – Gott, den ich nicht mehr suche.

 

Um dem Labyrinth zu entrinnen
Aus Kapitel 20: Vier Himmelsrichtungen – 
aufeinander achten

… Ich greife auf ein am Anfang dieses Kapitels eingeführtes Bild zurück. Es ging um die Darstellung der spezifischen Nöte unserer Welt. Die Fülle und Komplexität der Mittel, Verfahren und Institutionen hätten sich zu einem „Labyrinth“ ausgewachsen, in dem sich die Menschheit eingerichtet und eingewöhnt habe und dem sie nun nicht mehr entrinne. „Labyrinth“ ist eine Metapher für einen Ort, dem man entrinnen will, aber nicht weiß, wohin, wodurch, womit, und das nicht, weil es keinen Ausweg gibt, sondern deren zu viele trügerische. Man findet sich nicht mehr zurecht. Nur den Teil des Vergleichs nehme ich hier in Anspruch (nicht auch den, dass es ein kunstvoll angelegtes Gefängnis für den Minotaurus war). Und von der Metapher „Himmelsrichtung“ nur diesen: Wenn man sich in einem Urwald, in einem ausgedehnten, von Schilf überwucherten Flussdelta, in einer amorphen fremden Großstadt, auf dem weiten Ozean ohne „Landmarke“ verirrt hat, braucht man vor allem eines – das Wissen, in welcher Himmelsrichtung die Rettung liegt. Die Himmelsrichtungen lernt jedes Lebewesen aus der Erfahrung, zwar nicht so bald wie Tag und Nacht, oben und unten, bekömmlich und unbekömmlich, aber doch, wenn es in einigermaßen „natürlichen“ Verhältnissen lebt, innerhalb der ersten drei Jahre: Sonnenaufgang, Sonnenhöchststand, Sonnenuntergang, „Mitternacht“, d.i. die Mitte der Strecke, die in der Dunkelheit liegt oder auch das Gegenteil vom Sonnenhöchststand (…) Obwohl es beliebig viele Richtungen gibt, orientieren wir uns an den mit Nord und Süd, Ost und West bezeichneten und durch Eindeutigkeit ausgezeichneten Himmelsrichtungen. Wir halten sie auf der „Windrose“ des Kompasses fest.

Etwas Entsprechendes habe ich mit dem Lebenskompass der Menschen / der Menschheit gemacht …

 

Die hohe Aufmerksamkeit von der hohen Erregung lösen
Aus: Zur Nachbereitung des Lesers

… Die Auseinandersetzung mit den Kritikern, die mein Verhalten in der Odenwaldschule-Affäre als „Sündenfall“ ansehen, ist als Absicht leicht zu verstehen, bedarf keiner weiteren Erklärung, muss ihre Berechtigung in sich beweisen. Die Gründlichkeit, mit der ich sie führe, widerlegt die – vor allem im Zusammenhang mit dem Stichwort „aussitzen“ verbundene – Vorstellung, ich hätte mich bockig oder dick
fellig oder gleichgültig den Anschuldigungen und der gebotenen Rechtfertigung zu entziehen gesucht. Nein, ich habe meine Entgegnungen nur nicht unverzüglich und unvorbereitet in die Öffentlichkeit tragen wollen, wo mich der nächste Schelte-Sturm erwartete (…) Den Folgen, die die Veröffentlichung dieses dritten Bandes meiner Lebenserinnerungen für mich haben kann, sehe ich gefasst entgegen. Die Wirkung, die sie auf meine Ankläger und Kritiker haben wird, kann ich vorhersehen und muss sie verantworten. Der Öffentlichkeit wünsche ich, dass sie an meinem Klärungsversuch erkennt, wie viel komplexer der Fall Odenwaldschule/Gerold Becker/Hartmut von Hentig ist, als er – man kann wohl sagen: allgemein – dargestellt worden ist. Ungleich wichtiger aber ist, dass die hohe Aufmerksamkeit, die das Thema „sexuelle Handlungen an und mit Kindern“ aus diesem Anlass – und weltweit anderen – auf sich gezogen hat, sich von der damit einhergehenden hohen Erregung löst, die zu kurzschlüssigen Verdammungen von pädagogischen Theorien und Praxen führt. Pädagogik bedarf der Normalität, des Vertrauens in die Lehrer und Erzieher, des Zutrauens zu den Kindern und Jugendlichen, eines 
vernünftigen Ermessensspielraums für alle daran Beteiligten. Sie 
gedeiht nicht in der Quarantäne, in einer Atmosphäre allgemeinen, 
gar grundsätzlichen Misstrauens, der Kontrolle von allem und jeglichem aus Angst vor dem Nichtvorgesehenen. Mit anderen Worten: Prävention darf die Pädagogik – die Hilfe beim Aufwachsen – nicht verdrängen.