# Hentigs Fall – ein Fall Hentig?

Was haben Pressefreiheit, Demokratie und die Art und Weise, wie Hentig im veröffentlichten Umgang mit seinem Buch Uneinsichtigkeit attestiert wird, miteinander zu tun?

Von PROF. DR. ULRICH HERRMANN, Tübingen

Gegenstand der hier vorliegenden Äußerung ist der in den Printmedien und im Internet veröffentlichte Umgang mit dem dritten Band der Lebenserinnerungen von Hartmut von Hentig „Immer noch Mein Leben“ (Berlin 2016). Einigen Hentig-kritischen Äußerungen zu diesen Lebenserinnerungen bin ich privat entgegengetreten. Es könnte daher in der Öffentlichkeit der Anschein entstehen: Wer schweigt, stimmt zu. Dabei darf es aber nicht sein Bewenden haben, weil aus Hentigs Fall auf unerträgliche Weise ein „Fall Hentig“ fortgeschrieben wird.

Ich äußere mich hier nicht zur causa Gerold Becker, zur Sexualisierten Gewalt („Missbrauch“) und zur Odenwaldschule. Was ich dazu zu sagen habe, ist andernorts nachzulesen.[1]

Ich äußere mich hier nicht zur causa Hartmut von Hentig i.S. einer Auseinandersetzung mit seinem Tun und Unterlassen seit 2010. Es ist auch nicht möglich, sich ohne Rückgriff auf Originaldokumente auf Hentigs Aufarbeitung und Auseinandersetzung mit seinen Kritikern und Widersachern im dritten Band seiner Lebenserinnerungen „Immer noch Mein Leben“ einzulassen.

Um es vorweg zu sagen: Dieser dritte Band der Hentigschen Lebenserinnerungen enthält Formulierungen, die missverständlich sind, die missverstanden werden können, die kritische Rückfragen zulassen, bei denen dem Autor aber auch Klärungen abverlangt werden dürfen: Man kann ihn ja fragen. Keiner seiner Kritiker hat dies für nötig befunden. Es blieb bei einem Zitierkartell.

Hentigs Lebenserinnerungen enthalten vor allem – wenn man die autobiographisch-privaten und die ausführlichen Auseinandersetzungen mit seinen Kritikern und Widersachern beiseite lässt – „Innenansichten“ einer Freundschaft (mit Gerold Becker) und der Person Hentig, die aufgrund ihrer Offenheit und Aufrichtigkeit nicht nur Respekt heischen, sondern die Grundlage dafür bilden sollen – und auch bilden! –, Hentig seine Glaubwürdigkeit als Person zurückgeben zu können. So auch Hentigs Absicht und Hoffnung (S. 16). Und er setzt hinzu: Der Leser müsse sich demzufolge einer beträchtlichen Mühe unterziehen, dürfe nicht nur die Kapitel zu Hentigs Fall zur Kenntnis nehmen und alles andere übergehen. „Wer so verfährt und dem Autor die ‚Richtigstellungen‘ nicht abnimmt, weil dieser nun einmal ‚unglaubwürdig‘ ist, auf dessen Zustimmung, gar Absolution muss ich verzichten. Für die Wahrheit muss man einige Mühe auf sich nehmen. Wer das nicht tut, kann mit dem mir gemachten Vorwurf der ‚Unglaubwürdigkeit‘ nicht mehr glaubwürdig agieren.“

Die Art und Weise, wie Hentig im veröffentlichten Umgang mit seinem Buch Uneinsichtigkeit attestiert und damit Glaubwürdigkeit abgesprochen wird, erinnert an die „bewährten“ Muster von Schauprozessen in der Sowjetunion in den 1930er-Jahren.[2] Der Angeschuldigte kann sagen, was er will: Er lügt, weil er unfähig zur Erkenntnis der Wahrheit ist. Eben deswegen ist das Beharren auf Wahrheitsfindung selber schon wieder verdächtig. Im Übrigen geht es im Tribunal der Print-Medien und im Internet gar nicht um die Wahrheit, sondern um ein öffentliches Schuldbekenntnis des Beschuldigten. Der Skandalisierungsjournalismus mutierte zum Tribunalisierungs- und schließlich zum Hinrichtungs­jour­na­lismus.

Die Anklage in den stalinistischen Moskauer Prozessen in den 1930er-Jahren stützte sich nicht auf ein erwiesenes Vergehen, sondern auf die erzwungenen Geständnisse der Angeklagten, die überhaupt erst die Anklage begründeten. Das öffentliche Geständnis vor Gericht musste dementsprechend eingeübt werden, bis es für die Verurteilung „passte“. Ermittlungs- und Anklagebehörde und Richter waren nicht getrennt, so wie heute ein Journalist Ermittler, Ankläger und Richter in einem sein kann. Hinzu kam damals in der Regel, dass ein Netzwerk von Gleichgesinnten/Mitwissern gesucht wurde, vorzugsweise unter Freunden; denn Freunde – so die Unterstellung – wissen alles Wichtige, auch sehr Intimes, voneinander. Wenn aber Hentig kein Geständnis ablegt und die dunkle Seite seines Freundes nicht mal geahnt hat? Dann muss ihm trotzdem der öffentliche Prozess gemacht werden, über die Schiene Freund und Gesinnungsgenosse. Der Freund muss es gewusst haben, und die gemeinsame Gesinnungsgenossenschaft ergibt sich über die gemeinsamen pädagogischen Überzeugungen (angeblich die Reformpädagogik). Auf diesem Umweg wird der Freund Hentig zum Komplizen gemacht und an den Pranger gestellt. Die „Ahnungslosigkeit“, die Hentig von sich behauptet, kann also nur eine Schutzbehauptung sein und beweist einmal mehr seine Unglaubwürdigkeit. Und wenn der Angeklagte sogar noch „auf Vorhalt“ Mitwisserschaft bestreitet, zeigt das umso mehr seine Verblendung und Verstocktheit. Das Ableugnen kann nicht glaubwürdig sein, Hentig wurde denn auch ein „Wahrnehmungsdesaster“ und ein „pathologischer“ Bewusstseinszustand attestiert.

Inzwischen ist in der Süddeutschen Zeitung nachzulesen[3]: Hentigs Darlegungen in seinen Lebenserinnerungen „relativieren die Bedeutung der dem Freundespaar unterstellten Lebenspartnerschaft und entlasten Hentig von einer ebenfalls insinuierten Mitwisser- oder gar Komplizenschaft“ in der causa Becker. Ob es nun Verleumdung oder üble Nachrede oder falsche Tatsachenbehauptung war – wo ist ihre Rücknahme und das Bedauern durch ihre Urheber öffentlich nachzulesen?

Wo bleibt die Ethik und die Selbstkontrolle von Redaktionen und des Berufsstandes? Heribert Prantl hat kürzlich in einer Erlanger Rede[4] ausgeführt: „Pressefreiheit ist nicht dafür da, Journalisten lust- und machtvolle Gefühle zu verschaffen. Sie ist nicht die Freiheit zur Selbstermächtigung, wie sie sich etwa am Bundespräsidenten Christian Wulff ausgetobt hat. Die Pressefreiheit ist für die Demokratie da – und Demokratie ist etwas anderes als eine Meute, die Beute will. Ein guter Journalist betreibt die Aufgabe der Enthüllung nicht zynisch, sondern mit einer Haltung, die mit dem biblischen Wahrheitsbegriff beschrieben werden kann, also mit Zuverlässigkeit, Überzeugungstreue, Vertrauen und Vertrauenswürdigkeit. … Theologie und Journalismus sind Rechtswissenschaft in einem ganz besonderen Sinn: Beide wissen, dass Menschen Rechte brauchen und haben.“ (S. 28, 30)

Wenn Hentig um seine Glaubwürdigkeit kämpft, dann streitet er zugleich für einen Journalismus im Prantl’schen Sinn: für einen Journalismus, der der kritisch-aufgeklärten Öffentlichkeit angemessen ist, die eine der wesentlichen Grundlagen unserer politisch-demokratischen Kultur ist. Hentig frühere Versäumnisse vorzuhalten, ist angesichts seiner Eingeständnisse läppisch; ihm Glaubwürdigkeit abzusprechen, böswillig. Hartmut von Hentig hat ein Recht darauf, dass der herabwürdigende Umgang mit seiner Person in den Printmedien und im Internet nicht länger öffentlich hingenommen und beschwiegen wird.

Fußnoten:

[1] Vor hundert Jahren wurde die Odenwaldschule gegründet. Anfang und Erfolge, Krise und Zukunft eines „pädagogischen Laboratoriums“. In: Margarita Kaufmann/Alexander Priebe (Hsg.): 100 Jahre Odenwaldschule. Berlin 2010, S. 387-398. – Missbrauch pädagogischer Beziehungen durch sexuelle Gewalt. Die Differenz von Straftatbestand und ambivalenter Grundstruktur pädagogischen Handelns. In: Ulrich Herrmann/Steffen Schlüter (Hrsg.): Reformpädagogik – eine kritisch-konstruktive Vergegenwärtigung. Bad Heilbrunn 2012, S. 231-260. Auch in: Christoph Leser, u.a. (Hrsg.): Zueignung. Pädagogik und Widerspruch. (Festschrift für Andreas Gruschka zum 60. Geburtstag.) Opladen 2014, S. 171-205. – Sexualisierte Gewalt im Landerziehungsheim. Was steht auf dem Prüfstand? In: Werner Thole, u.a. (Hrsg.): Sexualisierte Gewalt, Macht und Pädagogik. Opladen 2012, S. 45-47. – Zum dort angesprochenen Eros-Thema s auch: Albert von Schirnding: Nach dem „Sündenfall“. Droht eine neue pädagogische Eiszeit? (= Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Abhandlungen der Klasse der Literatur, Jg. 2011, Nr. 2) Stuttgart 2011.

[2] Klaus- Georg Riegel: Öffentliche Schuldbekenntnisse im Marxismus-Leninismus: Die Moskauer Schauprozesse (1936-38). In: Alois Hahn/Volker Kapp (Hrsg.): Selbstthematisierung und Selbstzeugnis: Bekenntnis und Geständnis. Frankfurt/M. 1987, S. 136-148, bes. 140ff.

[3] Volker Breidecker: Unter freien Sündern. In: Süddeutsche Zeitung vom 26.6.2016.

[4] Zeugen der Wahrheit. Der Jakobusbrief und die Panama Papers, die Psalmen und der Sozialstaat, die Bibel und die Verfassung: Was Theologen und Journalisten verbindet. (Rede anlässlich der Verleihung der theologischen Ehrendoktorwürde der Universität Erlangen) In: Publik-Forum Nr. 14/2016 vom 22.7.2016, S. 27-30.

4Kommentare

  1. Christian Füller

    Sg Herr Herrmann,

    Sie verlängern in Ihrem Blog eine Darstellung aus Hentigs Buch, die den Fakten nicht standhält. „Man kann ihn ja fragen. Keiner seiner Kritiker hat dies für nötig befunden“, schreiben Sie, und das ist falsch. Ich habe – wie die halbe Republik – Herrn Hentig Fragen gestellt. Ich habe das für nötig befunden, aber der Doyen der nicht-beschämenden Pädagogik hat es nicht für nötig befunden, sich einem Gespräch zu stellen. Egal in welchem Format, Telefonat, e-mail oder Brief.

    Hentig hat nie einfach „Nein“ gesagt. Das wäre ja ein bisschen einfach gewesen. Nein, es stimmt immer irgendwas nicht, warum man Hentig keine Frage stellen darf. Die aparteste Form lautet – und, wie ich seinem Buch entnehme, geht er so mit allen seinen Gesprächspartnern um –, dass die Frage halt falsch gestellt ist, sie einen Schreibfehler enthält, einen unkorrekten Begriff verwendet oder whatever. Das ist eine interessante Haltung für einen Reformpädagogen – eine zutiefst paternalistische, die das Gegenüber nicht für voll nimmt. Glauben Sie wirklich, dass das bei seinem neuen Erinnerungsband nun anders sein soll? Hentig stellt sich den Fragen wieder nicht. Gucken Sie mal die Interviews mit Herrn Zimmer an. Kaum traut sich der Professor mal, Hentig eine echte Frage zu stellen, wird er sofort unterbrochen und geschurigelt.

    Aber da geht es um Hentig.

    Bei ihrem Post geht es aber um Sie, und Sie sind es, der es nicht für nötig befindet, nachzufragen. Wollen Sie wissen, wie viele Anfragen an Hentig rausgingen, per Fon, per Mail, per Brief? Aber warum sollten Sie auch nachfragen. Sie kennen die Reformpädagogik wie kaum ein anderer in- und auswendig. Sie wissen von all´den hochproblematischen, ja päderastischen Stellen bei Wyneken und Becker. Sie haben es beinahe 40 Jahre lang geschafft, sie verschweigen – von ein paar winzigen Ausnahmen abgesehen. Noch Monate nach der Enthüllung im Odenwald referierten Sie in Bad Boll begeistert vom Pädagogen Wyneken – zum Päderasten Wyneken fiel Ihnen kein Wort ein.

    Im übrigen werden in Hentigs Buch interessante Behauptungen über Briefe aufgestellt. Auch da sollten Sie mal nachhaken. Gibt´s die Briefe? Steht das drin, was behauptet wird?

    Beste Grüße, Christian Füller

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  2. Michael

    Ein Hinweis
    Was Ulrich Herrmann tatsächlich im Winter 2010 in Bad Boll referiert hat, kann man nachlesen in seinem Aufsatz „Verantwortung und Bewährung. Demokratiepädagogische Praxis in der Reformpädagogik“ in dem Band von Thilo Fitzner/Peter E. Kalb/Erika Risse (Hrsg.): Reformpädagogik in der Schulpraxis. Bad Heilbrunn 2012, S. 24-37. Der Beitrag handelt von Freinet, Kurt Hahn und dem Schulgemeinde-Konzept in der Sozialistischen Pädagogik (Schulgemeinde Erlasse 1918, Uffrecht-Letzlingen, Bernfeld-Wien, Mittelschüler-Bewegung in Österreich, Kurt Löwenstein und die Kinderrepubliken der Kinderfreunde-Bewegung). Wyneken wird lediglich im Zusammenhang mit den preußischen Schulgemeinde-Erlassen von 1918 erwähnt. – Die Tagung in Bad Boll, veranstaltet von der dortigen Evangelischen Akademie und der Vereinigung Deutscher Landerziehungsheime LEH e.V. im Dezember 2010, noch ganz am Anfang der Ermittlungen zur Odenwaldschule, diente der Vergewisserung der auch für die Zukunft von Schulreform wirkmächtigen Reformpädagogik, ihrer heutigen und künftigen Praxis. Die Odenwaldschule und das Problem sexualisierter Gewalt war nicht Gegenstand der Tagung.

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  3. Christian Füller

    Sg „Michael“,
    dürfen hier Anonyme schreiben? Frau Grüber, was ist da los?
    Thilo Fitzner und die Akademie Bad Boll haben sehr viel Geld vom BMBF bekommen, um die Tagung zu veranstalten. Das Geld floß ganz explizit zu dem Zweck, über sexualisierte Gewalt gegen Kinder zu diskutieren, also über Missbrauch. Sie, „Michael“, gehören also zu jenen, die auch nach der Aufdeckung des Missbrauchs an der Odenwaldschule an Legenden mit stricken. Nicht gut für dieses Blog.
    Herr Herrmann und Frau Risse wollten schriftlich bestätigt haben, dass auf dem Podium der Tagung NICHT über Missbrauch gesprochen wird. Und das sagt alles über Reformpädagogen: versuchen Monate nach den Enthüllungen im Odenwald das Thema Missbrauch von einer Missbrauchs-Tagung zu verbannen. Das klappte nicht – weil das BMBF, das anwesend war, seine Zuschüsse zurück verlangt hätte.

    Aber ich bin froh, dass Sie bestätigen: Ullrich Herrmann ließ Gustav Wyneken im Dezember 2010, als die Aufklärung nicht etwa am Anfang, sonden in vollem Gange war, noch einmal als großen preussischen Reformer und Berater Bayerns hochleben. Ein großartiger Mann – und ein verurteilter Päderast, der später mit einer Bannmeile um die Schulgemeinde Wickersdorf belegt werden musste, damit er, der fanatische Pädokriminelle, den Schülern nicht weiter nachstellt. Das wäre doch eine wichtige Information für die Tagung in Bad Boll gewesen, um sich der Ziele der Reformpädagogik zu versichern. Ullrich Herrmann fand das nicht – deswegen hat er die Wahrheit über Wyneken auch weggelassen. Ein Video zeigt es, sie sollten es online stellen, wie Herrmann seine Elogen auf Wyneken flicht. Großartig. Beste Grüße, Christian Füller

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  4. Uli Michael

    Für alle, die sich (wie auch ich) gern ihre Meinung selbst bilden möchten:
    Das Programm der Tagung: „Reformpädagogik und Demokratie“ (12.-14.10.2010) ist dem Flyer zu entnehmen.
    http://www.ev-akademie-boll.de/tagungen/details/503410.pdf
    Ein zusätzlicher Workshop wurde direkt zum Thema Missbrauch angeboten.
    Der Beitrag von Herrn Herrmann ist dokumentiert, siehe oben. Ebenso seine Beiträge zur causa Becker, zum Thema Sexualisierte Gewalt, OSO etc. 2010 ff. (siehe Fußnote 1 im Beitrag von Herrmann).
    Die Demokratie-Tagung fand nur wenige Tage vor der Veröffentlichung des ersten Abschlussberichtes über den Missbrauch an der Odenwaldschule (17.10.2010) statt.
    http://www.welt.de/vermischtes/weltgeschehen/article11697748/Erschuetternder-Abschlussbericht-ueber-Odenwaldschule.html
    Dieser bildete u.a. eine fundierte Basis für die Vorbereitung der folgenden Tagung, direkt zum Thema: Sexuelle Gewalt an Schulen im Juni 2011.
    http://www.ev-akademie-boll.de/tagungen/details/500511.pdf
    Uli Michael, 25.8.2016

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