# Jeder Missbrauch hat Mitwisser

„Hartmut von Hentig verteidigt in seiner Biografie einen der Haupttäter im Missbrauchsskandal der Odenwaldschule. Auch auf einer (gemeint: dieser – Die Red.) Webseite wird die Demütigung der Opfer weiter betrieben“, schreibt DAMIAN MILLER  in der FRANKFURTER RUNDSCHAU vom 2. Dezember 2016.

Nach der ersten Aufregung um die dritte Biografie des Hartmut von Hentig scheinen sich die Wogen zu glätten – wenn da nicht in der digitalen Welt eine Webseite wäre, die die Demütigung von Beckers Opfern weiter triebe, und eine Community sich um die Rehabilitierung Hentigs bemühte: „Wer wird als Anwalt für die Lern- und Lebensprobleme von Kindern und für eine humane Schule so eintreten, wie es auch heute noch nötig ist, wenn er sich nicht auf die Schriften Hartmut von Hentigs berufen kann?“

Rezensionen verstummen Monate nach dem Erscheinen eines Buches. Man könnte bei einem neuerlichen Beitrag zu Hentigs Text monieren: Lasst den alten Mann endlich in Ruhe! Dieser Aufforderung kann man bei Kenntnis der Lage nicht folgen, weil sich im Internet Hentig und eine Community bemühen, sich in Erinnerung zu halten. Der Blog http://noch-immer-mein-leben.de soll dem „wissenschaftlichen“ Diskurs dienen. In sorgfältig inszenierten Videos beteuert Hentig seine Ahnungslosigkeit, beklagt die erfahrene Widerborstigkeit und empfinde keine Sorge um die dutzenden, geschundenen Kinder seines Lebenspartners Gerold Becker.

Wären die Opfer 30 Jahre später die Kinder geblieben, die sie damals waren, wäre er beigesprungen, nicht aber jetzt, wo sie Aufklärung und Wiedergutmachung verlangen, nicht wenn sie mündig und couragiert ihr Recht einfordern. Hentigs Mitgefühl kennt offensichtlich ein Verfallsdatum. Das entspricht just dem pädagogischen Eros und dem paternalistischen Gestus vieler Reformpädagogen – entgegen der öffentlichen Sprachregelung. Bei vielen Autoren zählte Autorität, Unterwürfigkeit, Aristokratie und Führertum, dies erklärt die Dünnwandigkeit gegenüber und die Anschlussfähigkeit an die NS-Ideologie.

Eine Zustimmungscommunity ist Hentig nicht zu vergällen, aber die Bemühungen gehen in die Richtung, die Kinderschändungen durch Becker an der Odenwaldschule als Kollateralschaden zu verharmlosen. Der vorliegende Beitrag mutmaßt nicht, ob Hentig von der sexualisierten Gewalt wusste, es geht um die konsequente Fortführung des Missbrauchs. Die Lektüre von Hentigs Biografie offenbart Fragmente von Zitaten aus Briefen, die Andreas Huckele Gerold Becker in einer krisenhaften Jugendzeit – substanziell verursacht durch die sexualisierte Gewalt von Becker – geschrieben hat. Hentig wurde nie von Huckele autorisiert, Briefausschnitte aus dem Nachlass Beckers zu zitieren.

Huckele, so von Hentig, leide an einem „false memory syndrom“ und seine „Verkorkstheit“ rühre aus anderen Quellen – also soll er keinen Anspruch auf Urheberrecht sowie Schutz der Persönlichkeit beanspruchen. Wieso auch? – wenn Huckele schon Lebenslügen platzen ließ. Dafür scheint sich Hentig zu rächen. Er schreibt über das Empfinden Beckers, als Huckele über seine Erfahrungen schrieb: „Sein (Beckers) größtes Unglück war nicht die plötzliche und totale Bloßstellung, sondern der Bloßsteller (…) Es kränkte ihn bis zur Wehrlosigkeit, dass sein Geliebter sich auf einmal als sein Opfer sah.“

Der Zögling wird zum Objekt, über ihn wird eigennützig verfügt

Seiten zuvor war sich Hentig mit Blick auf Becker sicher, „er liebte ja mich, und ich liebte ihn.“ War Hentig Beckers Alibi? So plötzlich wurden die beiden 1998 nicht überrascht, wie das Hentig glauben machen will. Huckele konfrontierte Becker bereits am 12.11.1997 in einem Brief mit der durch ihn erfahrenen sexualisierten Gewalt. Weil sich Becker keinen Deut um die Vorwürfe scherte, sendete Huckele am 10.06.1998 ein Schreiben an Schulleitung und Kollegium der Odenwaldschule, wovon Hentig und Becker erfuhren. Teile der Biografie sowie die Webseite nähren den Verdacht, dass es sich um eine medial inszenierte Abrechnung eines gehörnten Ehemanns am vermeintlich obsiegenden Konkurrenten handelt. Gegen mögliche Klagen wurde vorgebeugt. Es sollen Korrekturfahnen im Umlauf gewesen sein, die auf gelöschte Stellen schließen ließen. Absatz- und Satzübergänge sind für den sprachgewandten Philologen Hartmut von Hentig unpassend und stilfremd.

Erziehung hat mit Macht zu tun. Gemäß Max Weber bedeutet Macht jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen. Erziehung ist die vermittelte Aneignung nicht genetischer Tätigkeitsdispositionen. Kinder werden angeregt, sich kultiviert zu verhalten, was sie naturwüchsig nicht täten. Das Verhältnis zwischen Erzieher und Zögling ist in juristischem Sinne „fremdnützig“. Wie Erziehende handeln, nützt dem Zögling und nicht dem Erwachsenen. Das ist das Wesentliche der Pädagogik.

Wer diese Fremdnützigkeit verletzt, missbraucht seine Macht. Kann sich ein Zögling überdies nicht entziehen, so vollzieht der Erwachsene Machtmissbrauch. In Organisationen mit Merkmalen der „totalen Institution“ (Erving Goffman), können sich die Zöglinge dem Zugriff kaum entziehen, da verläuft die Grenze zur Gewalttätigkeit fließend. Die Gegenüberstellung auf dem Blog, „eine übergriffige Pädagogik (ist) ein Albtraum, der mit allen Mitteln verhindert werden muss. Aber eine beziehungs- und lieblose Pädagogik ist ebenso ein Albtraum“, ist angesichts der Erfahrungen kategorisch falsch.

Um Hentigs Vorgehen als Machtmissbrauch zu entlarven, gilt es den „Machtmissbrauch“ zu differenzieren. Erste Ordnung: Gewalt, Nötigung und Demütigung zu eigenen Zwecken sind Eingriffe in die Integrität. Der Zögling wird zum Objekt, über ihn wird eigennützig verfügt. Die zweite Ordnung des Missbrauchs verletzt den Heranwachsenden als intentionales Subjekt. Seine Intentionen werden als Komplement zum sexuellen Übergriff gedeutet: „Auch du willst es.“

Genauso lauten die Entlastungsargumente vor Gericht bei Vergewaltigungen: „Sie hat es auch gewollt.“ Mit dem Missbrauch zweiter Ordnung werden die Opfer entmenschlicht, denn Intentionalität ist ein Merkmal des Menschen. Becker praktizierte Machtmissbrauch erster und zweiter Ordnung. Er nutzte die Abhängigkeit der Anvertrauten eigennützig für seine Lustgier. Er deutete ihre Intentionen um und entstellte sie zu Objekten – die Kinder hätten den sexuellen Verkehr gewollt. Genau dieser Logik der zweiten Ordnung des Machtmissbrauchs folgt Hentig in seiner Biografie mit dem Dreisatz der Pädophilie (FR vom 24.6.2016).

Hentigs Text ist unmissverständlich, der Missbrauch zweiter Ordnung ist eindeutig. Ulrich Herrmann tut Hentig keinen Gefallen, wenn er am 15.08.2016 im Blog schreibt: „Dieser dritte Band der Hentigschen Lebenserinnerungen enthält Formulierungen, die missverständlich sind, die missverstanden werden können, die kritische Rückfragen zulassen, bei denen dem Autor aber auch Klärungen abverlangt werden dürfen.“ Es gehört zum Wesen eines Textes, dass er abgelöst vom Autor bestehen kann. Der Philologe Hentig ist der Sprache mächtig genug, um einen Text zu schreiben, der keiner nachträglichen Befragungen bedarf.

Die starken Worte gegen Hentigs Kritiker tragen nicht zur Aufklärung bei: Die Kritik an seiner Biografie mit sowjetischen Schauprozessen zu vergleichen, verachtet die Opfer der Diktatur. Die Strategie, Kritiker mit den Kategorien „Jagdgesellschaft, Keulenschwinger und Konvertiten“ zu diffamieren, versagt. Das Problem liegt nicht mehr bei Becker, sondern im Versuch der Selbst- und Fremdabsolution. Hentigs Biografie „Noch immer Mein Leben“ ist selbst das Problem, weit weg von einer Sippenhaft. Die Verteidiger schreiben an der falschen Front und ernten den Applaus überdies von der falschen Seite. Der eilfertig aktualisierte Blog dient einzig der Alimentierung von Mutmaßungen und der Reinwaschung. Fakt ist: Die Berichte der Aufklärerinnen Claudia Burgsmüller und Brigitte Tilmann, „Pädagogik, Elite, Missbrauch“ von Jürgen Oelkers und „Wie laut soll ich denn noch schreien?“ von Huckele wurden nie entkräftet.

Opfer als unzurechnungsfähig entmündigt

Die Biografie Hentigs und der Blog machen sich selbst zum Problem. Wenn die Berichte nicht widerlegt sind und Hentig sich befleißigt, Beckers Lustobjekte als unzurechnungsfähig zu entmündigen, dann kann er nicht verteidigt werden. Hentig widerspricht seinen früher vertretenen Prinzipien der kindgemäßen Erziehung. Seine oft zitierten Äußerungen zu Erziehung und Bildung bestehen angesichts der heutigen Regie des Verteidigungsreflexes den Lackmustest nicht. Anstatt Wissenschaftlichkeit zu mimen, sollten die Verehrer fragen: Welche Inszenierung trieb Becker und welche Akteure nutzte er? Wer profitierte von Beckers Tun? Wieso rechnet kein Nachruf mit Becker ab, sondern mit Aufklärern und Kritikern? Kein Wort zum System?

Die Biografie und der Blog fokussieren auf Hentig und Becker. Es wird vermieden, die Systembedingungen, wie sie in der Odenwaldschule exemplarisch gegeben waren, zu benennen. Kinderschändung, Demütigung, Mobbing- sowie Gewaltdynamiken können nur stattfinden, wenn es Bedingungen gibt, die sie nicht behindern, Akteure schweigen und den Machtmissbrauch nicht stoppen. Jeder Missbrauch hat Mitwisser. Becker war bei weitem nicht der einzige Nutznießer in der Odenwaldschule und im sorgfältig gesponnenen Netzwerk. Jedes Schweigen stabilisiert ein System: Wer schweigt, scheint zuzustimmen. Solange in Hentigs Internetauftritt die Texte als Beiträge zu einer demokratischen Meinungsbildung verdeutelt werden, solange wird der Selbstnobilitierung und dem Versuch, die Deutungshoheit zurückzugewinnen, ein frostiger Wind entgegen wehen.

Man muss sich fragen, wie Vertreter einer Disziplin, die soeben einen Totalschaden des Prestigeobjektes und seiner Protagonisten zu beklagen hat, mit den Folgen umgehen. Anstatt sorgfältig zu klären, wie das Desaster zu erklären ist und welche Schlüsse für die Prävention zu ziehen sind, wird Denkmalschutz betrieben, obwohl sich das Denkmal längst selbst demoliert hat.

Damian Miller (54) ist Primarschullehrer und Erziehungswissenschaftler an der Pädagogischen Hochschule Thurgau in der Schweiz. Miller gab mit Pädagogik-Professor Jürgen Oelkers das Buch „Reformpädagogik nach der Odenwaldschule – wie weiter?“ heraus.

 

 

3Kommentare

  1. Alfons Kleine Möllhoff

    Die Vertäterung des Diskurses

    durch Damian Miller verdeckt Verantwortlichkeiten, verschiebt diese in einen für ihn bequemen Argumentationsmodus.

    A) Damian Miller stellt mit seinem Text in der „Frankfurter Rundschau“ vom 6.12.2016 eine öffentliche Strafanzeige. „Es geht um die konsequente Fortführung des Missbrauchs.“ Ist so der Tatvorwurf klar formuliert, so fehlt es doch an einer halbwegs präzisen Benennung des oder der Täter. Aber Miller schreibt ja seine Anklage als Erziehungswissenschaftler und nicht als Jurist.

    Miller gibt durchaus Hinweise in seinem Text: Er differenziert zwischen Machtmissbrauch erster und zweiter Ordnung. Zur ersten Ordnung gehören „Gewalt, Nötigung und Demütigung zu eigenen Zwecken“. Unter diese erste Ordnung subsumiert Miller die Webseite „noch-immer-mein-leben.de“, „die die Demütigung von Beckers Opfern weiter triebe“.

    Hartmut von Hentig wird ‚lediglich‘ des Misssbrauchs zweiter Ordnung bezichtigt unter Hinweis auf den „Dreisatz der Pädophilie“ in seiner Biographie. Da aber von Hentig auf dem Blog schreibt, wird er auch automatisch zum Täter erster Ordnung.

    Damian Miller hat in der „Frankfurter Rundschau“ mit wissenschaftlicher Logik enttarnt, dass es den Schreibern auf der Webseite eben nicht um einen „wissenschaftlichen“ Diskurs geht, sondern um „die konsequente Fortführung des Missbrauchs“. Wer also jetzt noch hier schreibt, ist „vertätert“, und mit Tätern führt man keinen Diskurs! Und wer dies nach Millers Warnruf dennoch macht, überschreitet einen juristischen, mindestens aber wissenschaftlich-moralischen Rubikon in das Archipel der Pädophilie.

    B) Millers Text verführt dazu, sich mit Passagen zu beschäftigen, die nur schwachen Sinn entfalten. Als ein Beispiel benenne ich den „Dreisatz der Pädophilie“, bei welchem er eine Sexualorientierung als implizite Straftäterschaft behandelt. Ob er so Menschen mit pädophiler Sexualorientierung, die sich nicht übergriffig verhalten, darin bestärkt, indem er sie vertätert, bleibt sein Geheimnis.

    Eine Argumentation auf der von Miller angebotenen Ebene des schwachen Sinns dürfte höchstens zu einem affektiven Ping-Pong-Spiel führen. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass das argumentative Spiel ausbleibt und eher einem orwellschen Leitsatz gefolgt wird: Ignoranz ist Stärke!

    Schauen wir uns stattdessen einmal an, wie der vom systemischen Denken so überzeugte Erziehungswissenschaftler Damian Miller an seiner Wirkungsstätte, der Pädagogischen Hochschule Thurgau, den Kinderschutz in pädagogischen Einrichtungen fördert.

    Die PH Thurgau hat ca. 600 Studierende, 130 Lehrende und erreicht jährlich über Weiterbildung ca. 4500 Menschen in Schulen und Schulbehörden. Sie verfügt damit über eine Schlüsselstellung im pädagogischen Sektor mit exzellenter Reichweite. Wenn die PH Thurgau diese Schlüsselstellung für Problemstellungen des Kinderschutzes in pädagogischen Einrichtungen nutzen will, kann sie dies wirkungsvoll tun.

    Legt man allein die jährlichen Zahlen von Mitarbeitern, Studierenden und Teilnehmern der Weiterbildung zugrunde, kommt man auf ca. 5.200 Menschen. Unterstellt, dass hiervon 40 Prozent männlichen Geschlechts sind, also 2080 Männer. Allgemein wird angenommen, dass etwa ein Prozent der männlichen Bevölkerung im sexuell aktiven Alter eine pädophile Sexualorientierung haben. Damit haben vermutlich ca. 20 Personen im Kontext der PH Thurgau eine pädophile Sexualorientierung.

    Hat sich nun die PH Thurgau und der an ihr tätige Erziehungswissenschaftler Damian Miller mit dieser Problemstellung auseinandergesetzt? Auf den Internetseiten der PH Thurgau findet sich nichts, ich bin jedenfalls nicht fündig geworden (und würde mich über jede Gegenvorstellung freuen).

    Insbesondere im Weiterbildungsbereich wäre es doch angebracht, die Frage von Pädophilie, von Pädosexualität im pädogogischen Kontext zu thematisieren (gleiches gilt natürlich auch für den heterosexuellen Missbrauch!). Das im Internet dargestellte Weiterbildungsangebot enthält nichts dazu. Nun ist Damian Miller nicht für den Bereich Weiterbildung zuständig. Aber er ist im eigenen Verständnis Experte zu Fragen des sexuellen Missbrauchs in Institutionen und in diesem Sinne „Mitwisser“ in seiner Institution und deren Fähigkeit, die Problemstellung zu bearbeiten oder zu ignorieren.

    Derzeit ist es so, dass weder in der Schweiz, dem Standort der PH Thurgau, noch in Deutschland das Problem von pädophilen Studierenden und Lehren thematisiert wird. Für Deutschland habe ich ausgerechnet, dass es ca. 2000 Lehrer mit pädophiler Sexualorientierung gibt. Eine Diskussion darüber gibt es nicht. Nicht, dass ich jeden pädophilen Lehrer für übergriffig erkläre, aber die Wahrscheinlichkeit, dass einige Gerold Beckers in anderen Versionen an anderen Orten aktiv sind, erscheint mir gegeben.

    Damian Miller – und er ist nicht der einzige Erziehungswissenschaftler – verdrängt mit dem eher affektgesteuerten Angriff auf Hartmut von Hentig und die Diskutanten des Blogs, dass er selber für seinen eigenen Verantwortungsbereich keine hinreichende Antwort und Strategie hat. An einigen Beispielen will ich skizzieren, in welche Richtung die Suche gehen könnte:

    – Wir sollten Exit-Strategien für Pädagogen entwickeln, die mit der Nähe zu Kindern und Jugendlichen Probleme haben.

    – Wir sollten das Beschwerdemanagement in allen pädagogischen Einrichtungen verbindlich regeln. Ich rate mal zu einem Blick in die Wehrbeschwerdeordnung der Bundeswehr. Jeder erwachsene Soldat hat wirksamere Rechte als Kinder und Jugendliche.

    – Zu Fragen der Fehlerkultur in pädagogischen Einrichtungen finde ich in der Literatur so gut wie nichts. Die Berufsgruppe der Pädagogen, zu deren Kernkompetenz die Fehlerkorrektur der Educanden zählt, setzt sich mit Fragen der eigenen Fehlerhaftigkeit nicht auseinander. (Die Ökonomisierung der Pädagogik, die damit einhergehende Konkurrenzsituation pädagogischer Einrichtungen verhindert tendenziell die Entwicklung einer fehlerfreundlichen Organisationskultur. Die damit einhergehende notwendige Vertuschung skandalöser Verhältnisse ist systembedingtes Risiko einer marktwirtschaftlichen Steuerung pädagogischer Institutionen.)

    Zu all dem finde ich bei Damian Miller und auch der PH Thurgau erst mal nichts. In seinem FR-Artikel weist er seine auf dem Blog schreibende Zunftkollegen an, was diese „sorgfältig zu klären“ haben. Statt andere darauf hinzuweisen, wie sie zu tanzen haben, könnte er ja auch selber zeigen, dass er an seinem Heimatort zu tanzen versteht.

    Mir deucht die ganze Gerold Becker Dämonisierung als Spiegelbild unserer Unfähigkeit, einen ernsthaften, wahrhaftigen und fehlertoleranten Diskurs über sexuellen Missbrauch in pädagogischen Kontexten zu führen. Stattdessen benutzen wir unsere Kinder als Lackmustest für sexuell übergriffige Pädagogen. Denn der von Pädagogen vorzulegende Strafregisterauszug und das in der Schweiz nach der Pädophilenintiative demnächst lebenslang geltende Tätigkeitsverbot für pädosexuelle Straftäter greift doch erst, nachdem es die Straftat, den sexuellen Übergriff, gegeben hat. Wir brauchen also erst das kindliche Opfer, um dann aktiv zu werden. Auch das ist Vertäterung, die den betroffenen Kindern nicht hilft, uns aber moralisch auf der richtigen Seite wähnt.

    C) Ganz zu Anfang habe ich darauf hingewiesen, dass Miller Verantwortlichkeiten verdeckt. Miller spricht in diesem Zusammenhang von den Systembedingungen, welche Hartmut von Hentig und besonders die Diskutanten des Blogs ausblenden.

    Die Personalisierung auf Gerold Becker, und mangels Erreichbarkeit nun auf Hartmut von Hentig, macht es allen Beteiligten einfach, gerade auch denen auf der Seite der Betroffenen, die systemischen Bedingungen auszublenden. Damian Miller und alle professionellen Aufarbeiter sprechen von Täternetzwerken und halten dies für systemisches Denken. Selbst konzediert, es gäbe diese Täternetzwerke im von den Aufarbeitern (etwa J. Brachmann in seiner Studie zu den Landeserziehungsheimen) dargestellten Umfang, bleibt die Sichtweise in der Vertäterung stecken.

    Behauptet wird, es gäbe oder gab so etwas wie eine organisierte pädosexuelle Kriminalität und systemische Bedingungen in den Organisationen, welche Täter begünstigte oder schützte. Gesellschaftlich und damit systemisch spannend wäre es doch dann zu fragen, ob auch eine organisierte Gegenwehr der Gesellschaft gegen diese Form der organisierten Kriminalität existiert. Nun wissen wir nicht zuletzt aus der Filmserie Tatort, dass es im Bereich der Polizei und der Justiz Spezialisten für organisierte Kriminalität gibt. Greifen diese auch in den pädagogischen Sektor hinein?

    Da Damian Miller sich exemplarisch auf die Odenwaldschule bezieht und die Problemstellung an Internaten und in Heimen anders ist, als an Tagesschulen, beziehe ich mich folgend auch auf diesen Bereich:

    Unsere (deutsche) Gesellschaft hat schon vor über 50 Jahren eine Art Eingreifstruppe gegen (sexuelle) Gewalt in Einrichtungen wie Internaten und Heimen eingerichtet: die Heimaufsicht. Anlass war, das ein Erzieher (Herbert Porazinski) ein Kind mit seinen gewalttätigen Erziehungsmethoden zu Tode prügelte. In der Jugendhilfe ist völlig unbestritten, dass Heime und Internate Orte sind, in denen besondere Risiken für das Wohl der Kinder bestehen. Weil Angehörige, also Eltern, keinen ausreichenden Einblick in die konkrete Situation vor Ort haben, gibt dies dem Staat nicht nur die verfassungsrechtliche Legitimation, sondern auch die Pflicht, diese Orte zu beaufsichtigen und das Kindeswohl jederzeit sicherzustellen.

    Als Gesellschaft haben wir also antizipiert, dass es Gerold Beckers in ihren diversen Varianten nicht nur geben kann, sondern auch künftig geben wird. Bei der Debatte um die gesetzliche Fundierung einer Heimaufsicht ist die Frage, ob nicht die Träger von Einrichtungen, ihre Vorstände und ihre internen Schutzmechanismen ausreichen, mit einem klaren Nein beantwortet worden. Es gibt damit eine gesetzlich normierte staatliche Garantstellung, die auch dann wirkt, wenn vorgelagerte Organe von Einrichtungen versagen. Man könnte aus den vorhandenen Rechtsnormen und der Institution der Heimaufsicht schließen, dass wir als Gesellschaft auf Gerold Becker bestens vorbereitet sind, sein Auftreten potentiell erwarten und unverzüglich reagieren, sobald erste Fehlleistungen erkennbar sind. Das System des Kinderschutzes sieht also vor, dass es Gefährdungen von einzelnen Personen wie Gerold Becker gibt, kann deren schädlichen Wirkungen wenn nicht ausschließen, so doch wirksam begrenzen.

    Die Realität ist eine buchstäbliche Perversion: Nicht die Heimaufsicht wird öffentlich untersucht und bei Versagen angegriffen, sondern Angehörige von Tätern und Opfern. Diese wäre hier differenziert nach sozialem Verhältnis von Angehörigen, Arbeitskollegen usw. in Bezug auf Täter wie Opfer darzustellen. Das würde hier zu weit führen. Aber: Der Gesetzgeber hat eindeutig entschieden, dass die Verantwortung bei einer übergeordneten Stelle liegen muss, die nicht in das Geschehen vor Ort involviert ist, der Heimaufsicht.

    Damian Miller, aber auch alle anderen wissenschafllichen Aufarbeiter, haben sich bisher mit der Rolle der Heimaufsicht nicht beschäftigt. Das wichtigste systemische, strukturelle Element des Kinderschutzes in Institutionen, die Heimaufsicht, blendet er aus. Wenn man wie der Betroffenenrat von einer Verblendung von Hartmut von Hentig spricht, unterliegt man selbst der Verblendung: Es ist derzeit doch die Aufarbeitungscommunity, die mit Blick auf die Täter verblendet ist, die systemischen Strukturen erkennen zu können. Damian Miller ist Teil dieser Verblendung: Er hat im Affekt und damit wissenschaftlich blind geschrieben.

    D) Zum Schluss 1 : Der Stil meiner Äußerungen zu Damian Miller ist von einer gewissen Genervtheit gegenüber der moralischen Arroganz und Überlegenheit der Aufarbeitungscommunity geprägt. Die Sache bringt es nicht weiter. Ein Diskurs ist davon geprägt, dass jeder seinen Kurs, also seine Sicht der Dinge benennt, in Erwartung des Widerspruchs und der damit verbundenen Interessenlage, den eigenen Standpunkt zu klären, zu ändern. Ohne einen solchen Diskurs bleiben wir als Gesellschaft blind gegenüber der Anforderung, Kinder und Jugendliche gegen jede Art von Gewalt wirksam zu schützen.

    Zum Schluss 2 : Dass Damian Miller die Äußerungen von Hartmut von Hentig zu Andreas Huckele problematisch findet, kann ich nachvollziehen. Seine Begründung finde ich allerdings falsch.

    Die Erfahrungsebenen eines von sexueller Gewalt Betroffenen sind mir heilig, oder anders formuliert unangreifbar. Allerdings, wenn ich diese Erfahrung in die Öffentlichkeit trage, riskiere ich als Betroffener, dass die eigene Wahrheit in Frage gestellt wird. Deshalb ist Hartmut von Hentigs Darstellung zu Andreas Huckele legitim, aber nicht von Sinn erfüllt.

    All dies lässt sich nicht öffentlich diskutieren. Denn Hartmut von Hentig ist Angehöriger eines Täters (der die Gelegenheit zur Klärung der Vorwürfe seit 1997 bis zu seinem Tode nicht genutzt hat) – Andreas Huckele ist Opfer. In dieser Konstellation hat es weltweit bisher noch keine gelungene Kommunikation gegeben, sofern diese öffentlich über Bücher und andere Veröffentlichungen erfolgte. Für die Äußerungen von Huckele – alias Jürgen Dehmers – in seinem Buch „Wie laut soll ich denn noch schreien“ zu Hartmut von Hentig habe ich Verständnis. Etwas weniger Verständnis habe ich für von Hentig, aber er greift es gleichfalls als Betroffener auf – wenn auch auf Seiten des Täters.

    Übrigens: Andreas Huckele hat sich öffentlich sehr differenziert zum Themenkomplex geäußert. Zu Recht wurde daher auf diesen Seiten sein Gespräch mit Carolyn Ehmcke eingestellt: „Macht, Sexualität und Gewalt“ vom 21.11.2016. Anders als Damian Miller geht Huckele tatsächlich auf strukturelle Bedingungen ein. So weist er auf den Aktionsplan der Landesregierung Hessen hin, der viele Worte enthält, dem aber keine Aktionen gefolgt sind – etwa ab Minute 45. Miller verdeckt diese strukturelle Verantwortlichkeit, in dem er andere der Fortsetzung des Missbrauchs beschuldigt. Das mag seinen wissenschaftlichen Ruhm mehren, den gegenwärtigen und künftigen Opfern hilft die Vertäterung nicht.

    Alfons Kleine Möllhoff

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  2. Michael Fier

    Zum Artikel von Damian Miller, Frankfurter Rundschau vom 2. Dezember 2016.

    „Wie Erziehende handeln, nützt dem Zögling und nicht dem Erwachsenen. Das ist das Wesentliche der Pädagogik. Wer diese Fremdnützigkeit verletzt, missbraucht seine Macht.“

    Das ist falsch!

    „Erziehung ist Beziehung“, diese ebenso klare wie einfache Gleichsetzung schrieb uns Martin Buber ins Stammbuch. Sie gilt sogar unabhängig von einem möglichen Einsatz der Vernunft bis ins Tierreich hinein. Sie beeinhaltet mögliche Auswirkungen verbrämter Gewalt, über die sich der Erziehende nicht vollständig im Klaren sein kann. Das darf man Schuld nennen, so wie man der sühnenden Auseinandersetzung und Aufarbeitung, so sie wahrgenommen wird, auch stattzugeben hat.
    Und eine Beziehung ist immer zweiseitig, sie ist die Grundlage jeder Art von Bedeutung, ohne sie mag es ein Belehren geben, ein fruchtbares Lehren und Lernen gibt es beim peinlich sich auf die Fremdnützigkeit Beschränkenden nicht. Das hatte und hat Folgen. Eine Erziehung, die sich auf Beziehung nicht einlässt, bleibt unernst und beliebig. Sie hat der Bildung als Wirtschaftsgut Tür und Tor geöffnet. Sie hat das manchmal schmerzliche gemeinsame Erlernen demokratischer Verhaltensweisen suspendiert. Sie hat das Ermöglichen gemeinsamer Wirklichkeit im einfühlsamen Gespräch durch „political correctness“ ersetzt. Sie hat die Saat gesät, deren Ernte Trump und Konsorten jetzt einfahren.

    Warum müssen sich Schulen wie das seit 96 Jahren so erfolgreiche (nicht ein Krimineller, nicht eine ungewollte Schwangerschaft, nicht ein Rechtsradikaler) Summerhill nach der Aussage ihrer Leiterin Zoe Readhead vor dem ignoranten und aggressiv nach Fehlern suchenden pädagogischen Establishment einigeln?

    Warum gibt es von Louis Raths, der in einer Zeit sich auflösender traditioneller Werte eine ebenso einfache wie funktionierende Anleitung zur gemeinsamen Wertebildung mit Auflagen von mehreren Hunderttausend gab, keinen Wikipedia-Eintrag, nicht in der deutschen und nicht in der englischen?

    Weil eine auf Beziehungsarmut beruhende Beziehungsunsicherheit Beziehungsangst unterhält. Weil man sich – vielleicht im Einzelfall berechtigterweise – nicht traut. Weil man der sicher auch immer bestehenden Machtoption nicht widerstehen kann. Und weil man das nicht hören will.

    Okay, die nächste Runde beginnt gerade. Zumindest einige der heute Jungen werden sich fragen, wie sie der hereinbrechenden Anomie begegnen sollen. Die Aufgabe der Älteren ist es, ihnen hierzu bewährte Codes weiterzugeben. Bei Alexander Sutherland Neill, bei Louis Raths und bei Hartmut von Hentig kann man sie finden!

    Michael Fier

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  3. Jürgen Zimmer Beitragsautor

    Chiang Mai, School for Life, 7. Februar 2017

    KLEINE BLÜTENLESE

    Wir hatten schon Bonny & Clyde, Cindy & Bert, Rodgers & Hammerstein, Pat Garrett & Billy the Kid, Das doppelte Lottchen, Tausch & Tausch, und nun haben wir: Oelkers & Miller.
    Wenn Oelkers A sagt, sagt Miller AA. Er gibt immer noch eins drauf. Während bisher die Gleichung lautete „Hentig = Mitwisser = Täterschützer = Opferverhöhner“, heißt nunmehr eine zweite Gleichung “ Blog-Autoren = Hentig-Verteidiger = Täterschützer = Opferverhöhner“. Miller, der chilischarfe Cleaner, der mit der ganzen Mischpoke (gemeint: wir anderen Autorinnen und Autoren des Blogs) aufräumt.

    Kleine Blütenlese aus „Jeder Missbrauch hat Mitwisser“:

    „…wenn da nicht in der digitalen Welt eine Website wäre, die die Demütigung von Beckers Opfern weiter triebe.“ 
    Das ist Quark mit Soße. Niemand der Autorinnen und Autoren demütigt Opfer. Auf nach Chiang Mai, lieber Kollege: Seit 2003 befasse ich mich dort im Team mit thailändischen Partnern mit dem Problem, diskriminierte, traumatisierte, oft auch missbrauchte Kinder der Armen aus dem Schatten zu holen und ein therapeutisches Umfeld zu schaffen, das Kinder darin unterstützt, biografische Schrottplätze hinter sich zu lassen und etwas aus sich zu machen. Da steht das Recht auf Glück zunächst einmal ganz oben an. 

    „In sorgfältig inszenierten Videos beteuert Hentig…“
    Ich war dabei. Da ist nichts inszeniert. Es handelt sich schlicht um kurze Passagen aus etwa zweistündigen Aussagen Hartmut von Hentigs. Dem Filmemacher ist nicht zuzumuten, ohne Finanzierung eine Langfassung herzustellen. Auf die Drittmittel der Pädagogischen Hochschule Thurgau wartet er noch.

    Hartmut von Hentig „…empfinde(t) keine Sorge um die Dutzende geschundenen Kinder seines Lebenspartners Gerold  Becker“.
    Doch, empfindet er schon. Und er würde sie gern treffen, ihnen zuhören und mit ihnen den Beitrag besprechen, den er noch leisten kann. Er hat sich allerdings mit seiner Empathie ins Schneckenhaus zurückgezogen, als er rabiaten Attacken ausgesetzt war – im Buch detailliert nachzulesen.

    „…die Bemühungen gehen in die Richtung, die Kinderschändungen an der Odenwaldschule als Kollateralschaden zu verharmlosen.“
    Kompletter Unsinn. Keiner denkt das. Keiner will das. Keiner macht das.

    „Der eilfertig aktualisierte Blog dient einzig der Alimentierung von Mutmaßungen und der Reinwaschung.“
    Das Wort „einzig“ ist die schweizerische Variante des Worts „total“: Ey, ich finde total bescheuert, was du schreibst… „Eilfertig“ verleitet zum Grübeln: Meint er mit „eilfertig aktualisiert“ den schlichten Sachverhalt, dass immer mehr Beiträge auf dem Blog ein immer vielfältigeres Meinungsspektrum darstellen?
    Do schaugst her: Miller ist auch auf dem Blog. Alfons Kleine Möllhoff schreibt, Miller habe mit seinem Text öffentliche Strafanzeige gegen die Mischpoke gestellt. Miller und ich also zusammen. Ich träume: wir beiden vor Gericht. Wenn dann der Richter nicht genau hinguckt und wir beide einsitzen müssen, dann möchte ich mit Damian die gleiche Zelle teilen, in der wir so lange über das Buch, die Reize des Kantons Thurgau und die Geschichte von Gottlieb Duttweiler reden, bis wir einer Meinung sind, uns duzen und uns zum Tag der Entlassung  Zürcher Geschnetzeltes wünschen.

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