# Kinderschutz als Posing

„Der Kritik von Andreas Huckele ist zuzustimmen, auch wenn sie in meinen Augen zu schwach ausfällt“, schreibt Alfons Kleine Möllhoff in seiner Antwort auf den Beitrag von Andreas Huckele: Ein Kätzchen, kein Tiger.

Die australische Aufarbeitungskommission hat einen Jahresetat von ca. 50 Mio. Euro. Die deutsche Kommission verfügt lediglich über 1,4 Mio. Euro im Jahr. Das reine Zahlenverhältnis liegt damit bei 1:35. Unter Berücksichtigung von Bevölkerungszahl und Bruttosozialprodukt schrumpft das Verhältnis auf 1:100. Und selbst das ist eine geschönte Zahl: Denn der Auftrag der deutschen Aufarbeitungskommission ist deutlich weiter als der der australischen. Jene arbeitet nur den institutionellen Missbrauch auf, nicht gleichzeitig auch den familiären.

Die deutsche Kommission rühmt sich auf ihrer Webseite, dass sie diesen gegenüber anderen Kommissionen umfassenderen Arbeitsauftrag hat. Eine Kritik, dass ihr dafür keinerlei Werkzeug in die Hand gegeben wird, diesen Auftrag zu erfüllen, findet man nicht.

Zudem: Die deutsche Aufarbeitungskommission arbeitet ohne gesetzliche Grundlage. Damit kann sie nicht investigativ arbeiten, auch dies im Gegensatz zum australischen Modell. Strukturelle Problemlagen kann sie daher genauso wenig bearbeiten wie es unmöglich ist, mit einem Tretroller ein Formel 1 Rennen zu gewinnen.
Dies ist der Kommission selbst nicht vorzuwerfen. Es war die Politik, die entschieden hat, die Aufarbeitungskommission zwar mit einem Auftrag zu versehen, ihr aber nicht die Werkzeuge dafür zur Verfügung zu stellen. Damit hat die Kommission faktisch die Aufgabe, mangels Möglichkeit der Ausleuchtung des Dunkelfeldes, zur Vertuschung unserer gesellschaftlichen Verantwortung beizutragen.

Der Kommission ist allerdings deutlich vorzuhalten, dass sie die Unmöglichkeit der Aufgabenbewältigung nicht thematisiert. Wer einen solchen Auftrag klaglos annimmt, lässt sich vertölpeln.
Gleiches gilt auch für den Betroffenenbeirat, der diesem Schauspiel applaudierend zustimmt.

Die Anhörung, das Hearing, auf welches sich Andreas Huckele bezieht, ist ein Paradebeispiel für Aufarbeitung im Modus des Posings. Der Ort war dafür gut gewählt. Die Akademie der Künste, transparente Glasfassade zum Pariser Platz, freier Blick auf Hotel Adlon, Brandenburger Tor, flanierende Touristen, halte ich für die edelste Veranstaltungsadresse unserer Republik. Doch der wertschätzende Rahmen verdeckt, dass der Inhalt der Veranstaltung dürftig ist und weder offenes Sprechen noch wirkliches Hören ermöglicht. Gerade einmal vier Stunden standen in einem getakteten Ablauf den einzelnen Anhörungen zur Verfügung. So blieben etwa für die Frage, wie es um das vom Grundgesetz garantiert staatliche Wächteramt bestellt war und was ggf. zu ändern ist, damit Kinder künftig besser geschützt sind, maximal 20 Minuten.

Die umfassenden Anhörungen der australischen Kommission, zu einzelnen Institutionen und Fragestellungen teilweise über mehrere Tage laufend, sind alle als Wortprotokoll im Internet zu finden. Sie werden darüber hinaus zu diversen Einzelberichten verdichtet. Damit kann eine Gesellschaft arbeiten im Sinne einer Veränderung gesellschaftlicher, den Missbrauch begünstigender Strukturen. Das, was man zum Hearing der Aufarbeitungskommission als Information auf ihrer Webseite findet, ist keine deutsche Katze im Vergleich mit einem australischen Tiger, sondern maximal die Comiczeichnung einer Katze.

Ich selbst habe der Aufarbeitungskommission Anfang 2016 zu strukturellen Problemstellungen geschrieben. Eine Antwort blieb aus. Stattdessen bin ich wohl in die Betroffenenkartei gelangt, weil ich irgendwann ohne weiteren Bezug eine Aufforderung zugesandt bekam, ich solle/könne meine Leidensgeschichte als Betroffener berichten. Das also ist das Schlüsselloch, durch welches die Aufarbeitungskommission „Strukturen aufdeckt, die sexuelle Gewalt in Kindheit und Jugend ermöglicht haben“. Ein Arbeitsprogramm, welches sich auf Strukturfragen bezieht, dürfte nicht vorhanden sein – Informationen dazu gibt es jedenfalls nicht.

Mein Fazit ist, dass die Aufarbeitungskommission, sicher ungewollt, aber grob fahrlässig eine Aufklärung betreibt, welche mehr vertuscht als aufklärt. Mit Andreas Huckele bin ich der Meinung, dass die herrschenden Verhältnisse mit einem als Lippenbekenntnis betriebenen Kinderschutz durch eine solche Aufarbeitung nicht geändert, sondern vielmehr bestärkt werden.
Alfons Kleine Möllhoff

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