# Leserbrief an DIE ZEIT

ERHARD WIERSING, Detmold, hat den Beitrag von Bernhard Pörksen gelesen und schreibt einen Leserbrief an DIE ZEIT:

„In Bezug auf die o.g. Besprechung des Teils 3 der Lebenserinnerungen von Hartmut von Hentig erlauben Sie mir die Frage, ob dabei unsere gute alte ,Die Zeit‘, die ich ununterbrochen seit 1962 im Abonnement lese, von allen guten journalistischen Geistern verlassen war. Ich meine dies gleich aus mehreren Gründen.“

So ist es zunächst schon ganz ungewöhnlich, dass hier die Rezension eines Buchs bereits vor seiner Veröffentlichung gebracht wird. Noch bevor also die Leser überhaupt die Möglichkeit hatten, sich auch am Text des Buchs ein Urteil darüber zu bilden, ist ihnen schon vorweg eine vernichtende Kritik darüber präsentiert worden. Sodann dürfte Ihrer Redaktion bei der Vergabe dieser Besprechung an B. Pörksen bekannt gewesen sein, dass dieser seit 2010 aktiv daran mitgewirkt hat, Hartmut von Hentig aufgrund bloßer Vermutungen eine Mitwisserschaft und gar eine Billigung des sexuellen Missbrauchs an Schülern in der Odenwaldschule zu unterstellen. Dies ist in diesem Fall auch deswegen pikant, als Pörksen in seiner Eigenschaft als Medienwissenschaftler mit dem Schwerpunkt „Dynamik öffentlicher Empörungsprozesse“ sich in seinem Artikel selbst erneut in den mediengemachten Empörungsprozess eingereiht hat. Hier ist der Kritiker eines scheinbaren Skandals vielmehr gerade selbst Teil des seit fünf Jahren bestehenden Skandals, die Person und das Lebenswerk von Hentigs mit Hilfe einer in den Medien zu Fakten erklärten Unterstellung zu diskreditieren. Es darf deshalb nicht verwundern, dass Pörksen in seinem umfangreichen Artikel das neue Buch von Hentigs hauptsächlich zum Anlass genommen hat, darin seine früher schon dargelegten Annahmen erneut bestätigt zu finden. So unterscheidet Pörksen dann auch kaum zwischen der Wiedergabe und der Kritik von Hentigs Grundgedanken und glaubt er sich wider besseres Wissen über die zahlreichen und eindeutigen Verlautbarungen Hentigs gegenüber den Verbrechen G. Beckers und über sein Mitgefühl mit den Opfern berechtigt, seinen Artikel fettgedruckt mit „Nach dem Schweigen“ zu überschreiben. Ihnen, den zuständigen Redakteuren, sei deshalb angeraten, von Hentigs Buch – nach seinem wirklichen Erscheinen – erneut von jemanden besprechen zu lassen, der nicht nur die alten Vorurteile wiederholt, sondern seinen Text als ein wichtiges zugleich persönliches und Zeitdokument möglichst unvoreingenommen darstellt und es dabei auch kritisch prüft. Dies erwartet jene nicht kleine Leserschaft, die Hentigs Werke, einschließlich der beiden ersten Bände seiner Lebenserinnerung, kennt und die die Erwartung hegt, in seinem Rückblick auf die Erfahrung der letzten fünf Jahre eine zusammenfassende Antwort auf vielleicht offen gebliebene Fragen zu erhalten. Das scheint auch deshalb geboten zu sein, weil Hartmut von Hentig – wie immer man zu seiner Lebensleistung steht – der bei weitem einflussreichste Pädagoge unseres Landes in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gewesen ist und er in der Geschichte und Theorie unseres Bildungswesen und noch mehr unserer Vorstellungen von Menschenbildung auch künftig eine zentrale Stellung einnehmen wird. Nicht zuletzt das hat die Tabula gratulatoria zum Ausdruck gebracht, die ihm im vorigen September mit der Unterschrift von über 400 Erziehungswissenschaftlern und namhaften Persönlichkeiten unseres Landes als eine seltene Ehrung mit den Worten überreicht worden ist: „Wir gratulieren dem Freund und Kollegen und Lehrer und großen Anreger Hartmut von Hentig zum 90sten Geburtstag am 23. September 2015.“

Erhard Wiersing, Detmold

Weitere Leserbriefe finden Sie auf dem Blog der ZEIT.

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