# Mord ist weniger schlimm?

MARIE SANDER, Erzieherin in Berlin-Kreuzberg schreibt: In einem Kreis von Frauen – die meisten Pädagoginnen und Psychologinnen – treffen wir uns seit Jahren, um über Literatur zu reden. Diesmal sprachen wir über unsere Sommerlektüre. Ich hatte im Sommer den dritten Band der Biografie Hartmut von Hentigs gelesen.Hentigs Aufzeichnungen fand ich sehr interessant, anregend, manchmal auch quälend. Es ging ja über viele Seiten hinweg um ein wichtiges, hartes Thema.
In der Runde – zehn Frauen hatten sich zu ihren Sommer-Büchern schon geäußert, der Abend war fortgeschritten – erzählte ich über Hentigs Buch, stellte den Autor kurz vor, und berichtete, was mich bei der Lektüre bewegt hatte, was ich interessant fand und was mich erschütterte. Nämlich vor allem, wie die Lebensleistung eines Menschen dermaßen diskreditiert wird, der sich nichts zuschulden kommen ließ, außer dass er sich von seinem Freund, den er liebte, nicht angemessen distanziert hatte.
Als ich das erzählte, spürte ich Gegenwind – nicht von allen Frauen, aber von den Wortführerinnen, die das Klima bestimmten. „Der Hentig hätte sich distanzieren müssen“, hieß es, „warum hat er das nicht gleich getan? Und du als Erzieherin, Marie, wie kannst du die Opfer verteufeln?“ Ich dachte, ich höre nicht richtig, und fiel fast vom Stuhl. Was hatte ich denn gesagt, das diese Frauen auf den Gedanken brachte, solch eine Frage stellen zu müssen?
In dem Moment hatte ich das Gefühl, ich müsse wie Hentig – das beschreibt er in seinem Buch – vor jedem Satz betonen: Man darf Kinder nicht missbrauchen, das ist ein Verbrechen und muss bestraft werden. Hentig dachte, die Leute wissen, dass er Missbrauch verbrecherisch findet, und er muss das nicht extra betonen. Ich dachte das auch und machte die nämliche Erfahrung.
Die Diskussion nahm dann folgende Wendung: Was macht man mit Menschen, die man liebt, die aber etwas Schlimmes getan haben? Wenn dein Kind jemanden umbringt, was machst du dann? Trennst du dich von dem Kind, sagst du dich von ihm los? Oder besuchst du es im Knast? Eine Juristin, die auch zu unserem Kreis gehört, sagte: „Genau das ist ein Problem. Die Angehörigen eines Täters haben es schwer, mit seiner Tat und ihm umzugehen. Aber es ist wichtig, dass sie bei ihm bleiben, ansprechbar für ihn sind.“ Diese Position bildete quasi ein Gegengewicht. Aber nur, weil wir vom Kindesmissbrauch zum Mord kamen. Mord ist weniger schlimm, scheint es.

Marie Sander, Erzieherin in Berlin-Kreuzberg

 

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