# Offener Brief an den alten und neuen Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft

Der Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft hat im März 2017 beschlossen, Hartmut von Hentig den Trapp-Preis, den dieser 1998 erhalten hatte, abzuerkennen. Bei der Tagung der DGfE in Essen (März 2018) gab es dazu eine Podiums-Diskussion. Der Beschluss wurde nicht geändert. Daraufhin sind zahlreiche Mitglieder ausgetreten, darunter Annemarie von der Groeben und Susanne Thurn. Der Vorstandsvorsitzende Prof. Hans-Christoph Koller, hat ihre Austritts-Mitteilung wie folgt beantwortet:…

dass Sie wegen der Aberkennung des Trapp-Preises aus der DGfE austreten wollen, nehme ich mit Bedauern zur Kenntnis. Ich kann dazu nur wiederholen, was ich auf dem DGfE-Kongress und in der Mitgliederversammlung in Essen geäußert habe – nämlich die Bitte, zu bedenken, ob eine solche Konsequenz wirklich zwingend ist oder ob es nicht auch denkbar wäre, sich an der im Vorstand unterlegenen Minderheit zu orientieren, die sich dazu durchgerungen hat, den Beschluss, gegen den sie war, mitzutragen, weil es eine sehr schwierige Entscheidung war und auch die andere Seite gute Argumente geltend gemacht hatte. Dazu kommt, dass es zwischen den Gegnern und Befürwortern des Aberkennungsbeschlusses, die sich auf dem Kongress geäußert haben, auch viele Gemeinsamkeiten gibt – nicht zuletzt die Überzeugung, dass die Erziehungswissenschaft und die DGfE sich den Fragen sexueller Gewalt in pädagogischen Kontexten stellen muss, sowohl was die notwendige selbstkritische Forschung als auch was die Konsequenzen für die Ausbildung von Lehrkräften und außerschulischen Pädagog*innen angeht.
Mit dem nachstehenden Brief begründen die beiden Pädagoginnen ihre Entscheidung:

Sehr geehrter Herr Koller, sehr geehrte Damen und Herren vom Vorstand der DGfE,
vielen Dank für Ihr freundliches Schreiben, Herr Koller. Sie bitten uns darin zu bedenken, „ob es nicht auch denkbar wäre, sich an der im Vorstand unterlegenen Minderheit zu orientieren, die sich dazu durchgerungen hat, den Beschluss, gegen den sie war, mitzutragen“. Wir haben häufig die Situation erlebt, Entscheidungen mittragen zu müssen, gegen die wir waren. In solchen Fällen ist die demokratische Gemeinschaft höher zu werten als die eigene Meinung; sich als schlechte Verlierer zu präsentieren, nützt den Unterlegenen nicht und schadet der Gemeinschaft.
Wir nehmen darum Ihren Einwand sehr ernst. Dass wir trotzdem bei unserer Entscheidung bleiben, bedarf der Begründung.
Wir kennen die von Hentig gegründete Laborschule aus über 30-jähriger Praxis, haben in seinen letzten Berufsjahren mit ihm zusammengearbeitet und erlebt, wie er sich täglich für die Schule und die ihr anvertrauten Kinder eingesetzt hat. Persönliche Loyalität ist jedoch nicht das ausschlaggebende Motiv für unsere Entscheidung. Es geht vielmehr um Haltungs- und Grundsatzfragen. Wir tragen nicht mit, dass der Beschluss des Vorstands über die Aberkennung des Trapp-Preises Grundsätze und Verfahren außer Kraft setzt, die wir bisher als essentiell für die DGfE angesehen haben.
Der Vorstand hat seine Entscheidung damit begründet, „dass die Unterstützung der Opfer (bezogen auf die Opfer sexuellen Missbrauchs an der Odenwaldschule) im Zweifelsfall höher zu gewichten ist als die Anerkennung wissenschaftlicher Leistungen.“
Es geht aber in diesem Fall nicht nur und nicht primär um wissenschaftliche Leistungen. Es geht um das gesamte Lebenswerk eines Pädagogen, der wie kein anderer dafür eingetreten ist, Erkennen und Handeln miteinander zu verknüpfen, die bessere Einsicht immer wieder gegen die widerständige Realität zu verteidigen. Darum wurden die Bielefelder Schulprojekte als lernende, sich verändernde Schulen gedacht und sind heute anders als zur Zeit ihrer Gründung. Darum wurden sie als sich selbst regulierende Diskursgemeinschaften konzipiert. Dies verlangt das unablässige und unabschließbare Bemühen um die bessere Einsicht. Niemand ist im Besitz der Wahrheit, hat sie „gepachtet“ oder kann sie mit Machtmitteln gegen andere durchsetzen, es sei denn durch Argumente im kritischen Diskurs.
Das Buch „Noch immer mein Leben“ haben wir als einen solchen Diskurs gelesen. Wir haben dem Autor – zustimmend und kritisch – Feedback gegeben. Wir würdigen sein mit strenger Konsequenz durchgehaltenes Bemühen um größtmögliche Genauigkeit und Wahrhaftigkeit. Er hat eine Fülle von Fakten, Belegen, Argumenten angeführt, um seine Position zu verdeutlichen. Er hat in dem Bemühen um Glaubwürdigkeit vor allem sich selbst und seine Position in diesem Prozess der Wahrheitsarbeit verändert. Wer ihm vorwirft, er habe das Leid der Opfer nicht gesehen, hat das Buch nicht zu Ende gelesen oder dessen Inhalt bewusst vereinfacht und verfälscht.
Die Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft hat sich auf einen kritischen Diskurs mit ihrem Preisträger nicht eingelassen, sondern ihn stattdessen pauschal moralisch verurteilt. Eine sorgfältige Prüfung der in dem Buch genannten Fakten, Belege und Argumente hat nicht stattgefunden, eine Aufarbeitung des äußerst komplexen Sachverhalts steht aus. Hartmut von Hentig hatte keine Gelegenheit, sich zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen zu äußern. Der Vorstand ist der Empfehlung seines Ethikrats nicht gefolgt, aus nicht genannten Gründen. Die Verfahren, die zur Entscheidung des Vorstands geführt haben, wurden nicht offengelegt. Mit unserer Vorstellung von Fairness gegenüber allen Beteiligten, von gründlicher Aufarbeitung und sorgfältiger Prüfung sowie von Transparenz der Verfahren können wir dieses Vorgehen nicht in Einklang bringen. Darum sind wir ausgetreten.
Der Vorstand hat in seinem Aberkennungsschreiben an Hartmut von Hentig geschrieben, dessen wissenschaftliche Leistungen und persönliches Engagement für die Erziehungswissenschaft hätten weiterhin Bestand. Die Fakten sprechen eine andere Sprache. In einem medialen Skandalisierungsprozess mit den bekannten Stufen Auswahl und Montage von Zitaten – Vereinfachung – Zuspitzung – Verurteilung – Diffamierung wurde das Lebenswerk Hentigs generell in Frage gestellt und angegriffen, was dem Vorstand bei seiner Entscheidung bekannt war. In diesen Skandalisierungsprozess sind inzwischen auch namhafte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, langjährige Mitglieder der DGfE, einbezogen, die die Vorstandsentscheidung kritisiert hatten. Ihre Gegner können sich nun auf die Dignität der Wissenschaft berufen, wenn sie ihre Kritik zu einer Art Gesinnungs-Diktat zuspitzen: Wer für die Opfer ist, muss gegen Hentig sein; umgekehrt: wer Hentig verteidigt, schützt die Täter und verhöhnt die Opfer.
Wir verweigern uns mit aller Entschiedenheit einer so unsachgemäßen, persönlich diffamierenden und auch das Ansehen der DGfE beschädigenden Alternative. Den damaligen und heutigen Opfern sexuellen Missbrauchs ist schwerster Schaden zugefügt worden. Aufklärung, Prävention und verstärkter Schutz sind dringende Aufgaben. Wir begrüßen ausdrücklich, dass die DGfE sich, wie Sie schreiben, den Fragen sexueller Gewalt in pädagogischen Kontexten stellen muss. Wir setzen uns, ebenso wie die genannten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, im Rahmen unserer begrenzten Möglichkeiten für die heute Heranwachsenden ein: für mehr Bildungsgerechtigkeit und für den Schutz von Kindern vor zunehmender Gewalt in allen ihren schrecklichen Formen. Wir bedauern, dies künftig außerhalb der DGfE tun zu müssen.
Hartmut von Hentig hat die Laborschule gegründet unter dem Motto „Nie wieder ein zweites 1933“. Sein Buch „Die Schule neu denken“ war eine Antwort auf die ersten Gewalt-Exzesse gegen Ausländer und Asylsuchende. Inzwischen sind solche Ausschreitungen gegen Flüchtlinge und Minderheiten zur traurigen Alltagsrealität geworden. Allen Schulen ist aufgegeben, die Heranwachsenden stark zu machen gegen Fremdenhass und radikale Simpel-Botschaften, sie „vorzubereiten auf die Welt, wie sie ist, ohne sie der Welt zu unterwerfen, wie sie ist“. Wir kennen kein überzeugenderes Konzept für diese Aufgabe als das „Aufwachsen in Vernunft“, in einer embryonic society, das Hentig entwickelt und vorgelebt hat. Wenn diesem Konzept durch das Fehlverhalten von Pädagogen zuwider gehandelt wird, so wird es dadurch ebenso wenig falsch wie die Grundwerte unserer Gesellschaft durch täglich zu beklagende Verstöße gegen sie.
Hentig hat beispielhaft gezeigt, wie neue Herausforderungen zum Anlass pädagogischer Erneuerung werden können. Ihm verdanken die Schulen und die Erziehungswissenschaft prägende Impulse zu innovativen Entwicklungen, Anregungen und konkrete Beispiele, wie diese auch gegen widrige Umstände durchgesetzt werden können. Dass die DGfE dies sieht und würdigt, ist mit dem Satz, sein Engagement habe „weiterhin Bestand“ (s.o.) in keiner Weise gegeben; im Zusammenhang mit dem Aberkennungsbeschluss wirkt der Satz vielmehr wie eine zusätzliche Demütigung. Wir erwarten, dass die DGfE diesen Eindruck korrigiert, dem Diffamierungsprozess entgegenwirkt, unsachliche Anschuldigungen und Polemik zurückweist und Hentigs Lebenswerk in angemessener Weise würdigt.
Wir leiten dieses Schreiben dem alten und neuen Vorstand der DGfE weiter und stellen es dem Internet-Forum des wamiki-Verlags zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen

Annemarie von der Groeben, Susanne Thurn

 

 

1Kommentar

  1. Michael Fier

    Nach der Entscheidung der DGfE schlage ich zur allgemeinen Besinnung als historisches Intermezzo die dieser Einleitung folgende Erzählung von Uexkülls zur Lektüre vor, der sich auf sehr eigene Weise mit einer ähnlichen Problemlage befasste angesichts der erfolgreichen Kampagne Maximilian Hardens gegen Fürst Eulenburg, den Vertrauten Wilhelms II vor jetzt gut 100 Jahren. Nicht das der Biologe Jakob von Uexküll, mit seinem Sohn Thure geistiger Vater der deutschen Psychosomatik, nicht seine aristokratischen Scheuklappen hatte, seine Unterzeichnung der Erklärung der Wissenschaftler für Hitler erwähne ich gleich mit, bevor es ein Leser für notwendig hält, aber es waren andere als jene, die uns zur Zeit die Sicht nehmen. Und das mag die Diskussion beleben.

    Michael Fier

    FURST PHILIPP ZU EULENBURG (DER RHYTHMUS DER UMWELT)
    Jakob von Uexküll

    Ein Gaunergespräch.

    Gauner A zu Gauner B: „Wenn du oder ich behaupten, der X habe eine Uhr gestohlen, so wird es uns niemand glauben. Und wenn unser halbidiotischer Zeuge behauptet, die Uhr sei ihm gestohlen worden, so wirft man ihn einfach hinaus.“

    Gauner B: „Was sollen wir tun? Es ist für unsere Freunde notwendig, den X außer Gefecht zu setzen. Er ist ihnen zu gefährlich. Wenn er als Dieb entlarvt wird, ist er erledigt. Leider hat er die Uhr nie gesehen, geschweige denn gestohlen.“

    Gauner A: „Ich habe eine glänzende Idee. Ich lasse in einem Artikel durchblicken, X könnte die Uhr gestohlen haben. Darauf wirfst du dich zu seinem Verteidiger auf und erklärst mich für einen infamen Lügner. Nun verklage ich dich auf Beleidigung. In der Verhandlung lasse ich den Halbidioten auftreten, den ich tüchtig ins Bockshorn jage, bis er unter Eid erklärt, der X habe ihm die Uhr gestohlen. Darauf erklärst du dich für überzeugt und nimmst deine Beleidigung zurück. Dann stehe ich als Ehrenmann da, und X ist gerichtsnotorisch als Uhrendieb entlarvt, ohne die Möglichkeit zu haben, auch nur ein Wort zu seiner Rechtfertigung zu äußern.“

    Und so geschah es. Fürst Eulenburg wurde vor dem Mündiener Gericht zwar nicht für einen Uhrendieb, aber doch für einen sexuell perversen Mann erklärt, ohne irgendwie in das Verfahren eingreifen zu können.

    Gauner wird es immer geben, die Gaunerstückchen aufführen. Aber daß ein deutsches Gericht sich dazu herabwürdigt, das Forum für eine so durchsichtige Gaunerei abzugeben, war sehr bedauerlich. Eine Riesenwelle der Entrüstung erhob sich, nicht etwa gegen das Gericht, das die Gaunerei zugelassen, sondern gegen den Freund des Kaisers. Sie unterwühlte gleichzeitig das Ansehen des Monarchen. Und das war der eigentliche Zweck des ganzen Unternehmens gewesen. Eine verblendete Hofkamarilla, der Eulenburg stets ein Dorn im Auge gewesen war, veranlaßte den Kaiser, seinen treuesten Freund der brüllenden Masse preiszugeben.
    Aber nicht alle ließen sich durch das Zeitungsgetobe verwirren, sondern durchschauten die unsauberen Machenschaften. Konrad Haußmann, Führer der süddeutschen Demokraten, der als Jurist und Politiker den Ruf hoher Intelligenz und absoluter Unbestechlichkeit besaß, erkannte mit sicherem Blick, daß hier ein völlig Unschuldiger aus politischen Gründen zu Tode gehetzt werden sollte. Er wandte sich an Eulenburg‚ den er bisher niemals gesehen hatte, und bot ihm seine Unterstützung an.

    Der Fürst bat ihn, nach Liebenberg zu kommen, und so hatte ich die Freude, mit diesem ausgezeichneten Manne bei meinem Freunde Eulenburg zusammenzutreffen.

    An einem warmen Sommernachmittag saßen wir drei: Eulenburg, Haußmann und ich, auf der Gartenterrasse des Schlosses Liebenberg und schauten über die weite grüne Rasenfläche hinweg, deren Rand das Gold des reifenden Weizens umsäumte und auf die, nahe dem Schlosse, die hohen geschnittenen Lindenhecken mündeten. Ein friedvolles, anmutiges Bild.

    Wir sprachen von der Lage, in der sich der auf sein Gut verbannte Fürst befand, aber nicht von den Gaunern, die so erfolgreich gegen ihn gearbeitet hatten. Denn die Umwelt eines Gauners ist bar eines jeden Interesses. Wenn der eigene Vorteil zum einzigen Motiv der Handlungen wird und alle anderen Gefühle zurückdrängt, dann werden alle Bildungen und Gestalten, die die Umwelt bisher verschönten, wie von einem Spaltpilz befallen, der sie alle in das gleiche Objekt der Ausbeutung verwandelt. Geschäftsgenossen, Vorgesetzte, Untergebene, Freunde, Geschwister, Eltern und Kinder verlieren ihr Gesicht und bevölkern als mehr oder minder gefüllte Geldsäcke die Lebensbühne des Gauners, der nur den einen Wunsch hat, ihnen aufzulauern und sie zu berauben. Schließlich verwandelt sich die ganze Umwelt in einen übelriechenden Trümmerhaufen, an dem jeder nur mit verhaltenem Atem vorübergeht. Nicht über die Persönlichkeiten der Gauner unterhielten wir uns, die uns nicht im mindesten interessierten, aber über das Benehmen der Presse, die so einmütig gegen den Fürsten Partei genommen hatte.

    „Mein Freund, Baron Wolff, der Mann der schönen Sängerin Barbi“, begann Eulenburg, „erzählte mir von einem baltischen Pastor, der sich eine lebensgroße Puppe aus Holz hatte bauen lassen, die als Türke gekleidet war. Der Pastor, der ein jähzorniger Herr war, stürzte sich, sobald er sich ärgerte, mit einem alten Säbel bewaffnet auf den Türken und verprügelte ihn. Einen hölzernen Heiden zu verprügeln war sicher keine Sünde, deshalb benutzte ihn der Pastor zur Ablenkung seines leicht sündhaft werdenden Zornes. Die Italiener nennen eine Puppe Pupazzo, mit einer üblen Nebenbedeutung, woraus wir das Wort Popanz gebildet haben. Wir werden den Türken als den Popanz des Pastors bezeichnen dürfen.

    Nun scheint mir, daß jeder Deutsche eines Popanzes bedarf, um auf ihn all seinen verhaltenen Grimm, der sich aus allen möglichen Anlässen immer wieder ansammelt, abzuladen. Der Deutsche braucht irgendeinen Popanz, bei dessen Nennung er mit der Faust auf den Biertisch schlägt und sich in maßlosen Beschimpfungen ergeht. Ich bin mir wohl bewußt, zu einem solchen Popanz der Deutschen geworden zu sein. Und ich sehe nicht, wie sich das ändern läßt.

    Das Bedauerliche ist aber die Abhängigkeit der Presse von der Popanzmanie ihrer Leser. Der Popanz ist in seiner Weise heilig und unantastbar. Wer ihn zu verteidigen sucht, wird verfemt. Und damit komme ich auf das wichtige Problem der Pressefreiheit. Es gab vielleicht einmal eine freie Presse. Die hat aber zu existieren aufgehört, die Presse ist zum Sklaven ihrer Leser herabgesunken. Innerhalb der Presse gibt es eine Reihe ausgezeichneter Männer, die gewiß fähig wären, das Volk auf den rechten Weg zu leiten. Sie sind aber ohnmächtig und müssen die Opferfeste vor den Volkspopanzen mitmachen sonst geht ihre Zeitung ein.

    Ich glaube, daß es möglich sein müßte, eine autonome Qrgansation der ernsthaften Zeitungen zu schaffen, der man die Rechtsprechung und Vollzugsgewalt in allen Presseangenheiten übertragen könnte. Ich habe trotz aller üblen Erfahrungen ein solches Vertrauen zu der deutschen Presse, daß ich glaube, die Schaffung eines solchen Forums würde zum Segen für das ganze Volk ausschlagen. Der gute Ton wird dann wieder zum Vorschein kommen und die Einmischung in das Privatleben verschwinden. Auch die Popanze werden dann lächerlich gemacht werden können und endgültig abtreten.

    Die Hauptsache aber wäre – und nun werden sie mich für einen auf mystische Abwege geratenen Menschen halten – , daß die Presse im Rhythmus der Nation mitzuschwingen lernte.“

    Haußmann und ich baten den Fürsten, diesen Ausspruch näher erläutern zu wollen.

    „Nun gut“, ergriff Eulenburg wieder das Wort, „unser hier anwesender Freund (dabei wandte der Fürst sich mir zu) ‚hat die Theorie entwickelt, wonach sich die Naturforscher bisher in der Aufstellung der wahren Bausteine der Natur geirrt haben. Die Bausteine, die die Physiker verwenden, nämlich die Atome, reichen nur hin, um einen Kristall zu bilden. Die Zelle, die von den Zoologen und Botanikern als Baustein angesprochen wird, reicht zum Bau eines Pflanzen- oder Tierkörpers aus, aber nicht weiter. Und die Bausteine der Biologen, eben die Pflanzen und Tiere, reichen nur aus, um die konventionelle Welt, in der wir alle zu leben meinen, auszufüllen. In Wahrheit ist aber diese konventionelle Welt nichts anderes als die persönliche Umwelt des einzelnen, die jeder von uns zum allgemeinen Gebrauch wie Gummi ausgedehnt hat. Die konventionelle Welt ist aber nicht die Natur. Die Natur ist ein aus viel größeren Quadern aufgebauter Tempel, der sich für die meisten von uns in den Wolken verliert. Die Quadern, aus denen sich der Tempel der Natur aufbaut, sind die Umwelten der Lebewesen. Sie sind mit voller Sicherheit nur von innen wahrnehmbar und unterscheiden sich grundsätzlich voneinander. Die Umwelt einer Libelle ist lediglich aus Libellendingen erbaut, wie die Umwelt des Hundes nur aus Hundedingen besteht, und selbstverständlich ist auch die Menschenwelt nur ein Gebilde aus Menschendingen. So weit habe ich dich, glaube ich, richtig verstanden?“ Ich nickte zustimmend.

    „Nun behauptest du weiter“, fuhr Eulenburg fort, „alle Umweltquadern seien planmäßig in den Tempel der Natur eingefügt. Und diese Planmäßigkeit sei am besten mit musikalischen Harmonien vergleichbar. Es gäbe Duette, Trios, Quartette und so weiter von Umwelten kurz, du nimmst für die Natur das in Anspruch, was die Alten die ‚Musik der Sphären‘ nannten, wenn auch in einem sehr erweiterten Maßstab als einen allumfassenden Rhythmus der Welt. Du hast uns damit das Ziel der naturwissenschaftlichen Erkenntnis nicht näher gebracht, sondern im Gegenteil bis zur Unkennbarkeit hinausgeschoben.

    Ich persönlich danke dir dafür, denn ich genieße in dieser Auffassung der Welt das Gefühl der unbegrenzten Freiheit. Andere werden dir weniger dankbar sein.

    Nun ist der Weltrhythmus zu fern und zu fein für unsere menschlichen Ohren. Aber der Gedanke an ihn erweckt in uns den Wunsch, unserem eigenen Rhythmus zu lauschen. Aus eigener Erfahrung darf ich sagen, daß bei allen musikalischen Kompositionen zuallererst der Rhythmus da ist, aus dem das Lied emporkeimt. Anmutige äußere Anlässe waren es, die meine Seele in Schwingungen versetzten, aus denen die ‚Rosenlieder‘ entstanden, während heroische Eindrücke den Rhythmus der ,Skaldengesänge‘ erweckten.

    Jeder künstlerisch begabte Mensch, der auf den Rhythmus zu achten gelernt hat, wird ihm überall begegnen. Vor allem ist es der Rhythmus der Pflanzen und Bäume, der jedem Maler vertraut sein muß. Ganz von selbst wird dann die Hand des Malers, der zum Beispiel einen Ahorn wiedergeben will, in die Ahornbahnen gelenkt werden, die sich so sehr von den Eichenbahnen oder Birkenbahnen unterscheiden. Daran erkennt man ohne weiteres den Künstler, während der Dilettant richtungslos umherirrt.

    In allen künstlerisch gemalten Bildern kommt ein räumlicher Rhythmus zum Vorschein, den der Künstler in der Natur unmittelbar wahrgenommen hat und von Nebensächlichem gereinigt zur Darstellung bringt.“

    „Halt einen Augenblick“, unterbrach ich Eulenburgs Rede, „ich habe immer gewußt, daß ihr Künstler mehr seht als wir anderen Sterblichen. Aber hier stellst du eine Behauptung auf, die uns Naturforscher verdammt nah angeht. Du behauptest, daß die Künstler durch alle individuellen Eigenheiten einer Pflanze hindurch den allen Pflanzen der gleichen Art zugrunde liegenden Naturrhythmus erkennen können, das heißt, daß sie den räumlichen Plan, nach dem die Art gebaut ist, vor Augen haben. Dieser Plan wäre mithin nicht ein aus zahlreichen Individuen abstrahierter Begriff, sondern eine anschauliche Begebenheit – nicht das Erzeugnis des denkenden Verstandes, sondern des erkennenden Auges, nicht das Erzeugnis der Logik, sondern der Sinne. Wenn das der Fall ist, so müßte sich ein Weg finden lassen, um mittels vorsichtiger Ausschaltung aller individuellen Einzelheiten einer Pflanze, die unserem unkünstlerischen Auge zuerst oder allein auffallen, bis zur geometrisch genauen Anschauung des Planes vorzudringen. Glaubst du, daß das möglich sein wird?“

    „Es wäre vielleicht möglich“, lächelte Eulenburg, „wenn es einen Künstler gäbe, der in gleichem Maße auch Botaniker und Mathematiker wäre. Nur ein solcher wäre befähigt, euch Blinden den Weg zum Plan zu zeigen.“

    Viele Jahre später habe ich das unerwartete Glück gehabt, ein so umfassend begabtes Genie in Meister Dobe-Weimar zu finden und unter seiner Anleitung den Weg zu wandeln, der zum Plane führt. Auch habe ich den großen Eindruck gewonnen, den uns der reine Naturplan einer einfachen Baumknospe gewährt, den dieser große Künstler und Philosoph im Bilde festzuhalten vermocht hat. Man glaubt, einen Blick in das Allerheiligste der Natur tun zu dürfen. Seitdem beneide ich die Künstler, denen ein solcher Anblick in jeder Pflanze unmittelbar geschenkt wird, noch mehr als zuvor.

    „Es ist selbstverständlich“, mit diesen Worten nahm Eulenburg den unterbrochenen Faden des Gespräches wieder auf, „daß ich das, was du den Plan nennst und was ich den Raumrhythmus nennen möchte, denn auch der Stiefelknecht hat einen Plan -, in allen klassischen Bauwerken auf den ersten Blick erkennen kann. Alle Abweichungen vom Rhythmus schreien wie ein Mißklang heraus.

    Dagegen ist mir der Anblick einer jeden Maschine verhaßt. Eine Maschine ist nichts als eine in den Raum gepreßte planmäßige Häßlichkeit.

    Die Sicherheit‚ mit der ich den Raumrhythmus beherrsche, hat mich auch in den Stand gesetzt, mein eigener Baumeister zu sein. So habe ich die romanische Halle im Schloß nur mit Hilfe eines einfachen Maurermeisters aufführen können, und sie ist nicht bloß dem Auge des Beschauers wohlgefällig, sondern auch technisch einwandfrei, obgleich ich keine einzige mathematische Berechnung angestellt habe.

    Auch bei der Ausgestaltung des Parkes hat mich meine rhythmische Begabung nicht verlassen. Nur muß man sich hierbei im voraus ganz genau vorstellen können, welche Änderungen das Wegnehmen eines Baumes im Gesamtbilde hervorrufen wird.“

    Eine Bestätigung von Eulenburgs Worten erhielt ich später aus dem Munde der Besitzerin eines sehr großen Parkes, der liebenswürdigen und klugen Frau von Stumm, die mir klagte, alles, was sie mache in ihrem Park, sei falsch. Das brachte sie so zur Verzweiflung, daß sie ausrief :

    „Bei meiner nächsten Wiedergeburt habe ich nur den einzigen Wunsch, ohne Park auf die Welt zu kommen.“

    „Auch für den Rhythmus meiner Mitmenschen“, fuhr Eulenburg fort, „habe ich ein feines Gefühl. Dieses geht so weit, daß ich aus ihrem individuellen Rhythmus auch den Rhythmus ihrer Nationalität heraushören kann. Dieser kommt übrigens manchmal so deutlich zum Durchbruch, daß niemand ihn überhören kann.

    In Petersburg machte ich einmal ein großes Ballfest mit, das von einer der reichsten russischen Fürstinnen zu Ehren irgendwelcher Großfürsten gegeben wurde. Die Hausfrau hatte zu dieser Gelegenheit ihr berühmtes Halsband umgelegt, das aus taubeneigroßen Perlen bestand. Ich befand mich mit der Fürstin und einigen Herren der Hofgesellschaft in einem der kleinen Salons in angeregter Unterhaltung, als bei einer lebhaften Bewegung der Fürstin ihr Halsband zerriß und die Perlen nach allen Richtungen über das Parkett rollten. Sofort wurden die Türen geschlossen, und wir machten uns alle auf die Suche nach den verlorenen Perlen. Als sie alle wieder aufgelesen waren, stellte es sich heraus, daß die größte Perle fehlte. Die Fürstin nahm den Verlust mit Grazie hin und mischte sich wieder in die übrige Gesellschaft. Später trat ich an sie heran und fragte sie, warum sie uns nicht einer Leibesvisitation habe unterziehen lassen. Da lachte sie und sagte: ‚Wir wissen ja alle, wer die Perle genommen hat. Aber er ist ein so armer Kerl, der so tief in Schulden steckt, daß wir sie ihm gönnen.‘

    Bei aller Hochschätzung des Mitleids für unsere armen Mitbrüder ist dies doch eine Gutmütigkeit, deren wir Deutschen gar nicht fähig wären, die sich aber ohne weiteres in den Rhythmus des russischen Nationalcharakters reihen läßt.

    Der Rhythmus fremder Nationen bietet ein besonders schweres Problem für alle Übersetzer aus fremden Sprachen. Aber da wir eine Autorität auf diesem Gebiet vor uns haben“ -damit wandte sich Eulenburg an Haußmann -, „wollen wir ihn fragen, ob der fremde Rhythmus, ich spreche nicht vom Versmaß – in den Übersetzungen mitklingen soll oder nicht.“

    Haußmann hatte einen Band chinesischer Lyrik in deutschen Versen herausgegeben, die auf einem sehr hohen künstlerischen Niveau standen.

    Er erwiderte nun: „Ich bin keine Autorität auf diesem Gebiet, denn ich bin kein Sinologe, und der Rhythmus der chinesischen Volksseele ist mir fremd. Aber ich glaube, daß der Übersetzer, der ebenso wie der Dichter auf das Verständnis seiner Leser Rücksicht nehmen muß, sich daher bescheiden wird, die Bilder und Gefühle des fremden Volkes sichtbar zu machen. Auf die Wiedergabe des fremden Seelenrhythmus wird er verzichten müssen, weil wir alle innerlich an unseren eigenen Rhythmus gebunden sind.

    Eine gute Übersetzung selbst aus dem Englischen ins Deutsche wird einem Engländer nie so gut gelingen wie einem Deutschen, weil in der guten Übersetzung der Rhythmus des deutschen Lesers mitklingen muß.“

    „Ich glaube“, sagte Eulenburg, indem er sich erhob, „daß meine Worte über den Rhythmus der Presse jetzt keines Kommentares mehr bedürfen. Ich verlasse Sie, meine Herren, meine angegriffene Gesundheit zwingt mich, der Ruhe zu pflegen.“

    Mit einem freundlichen Winken der Hand entfernte er sich, auf zwei Stöcke gestützt, und schritt langsam dem Hause zu. Er trug eine graue Lüsterjacke an dem warmen Tage, mit schwarzem Kragen und schwarzen Aufschlägen. Stets war er sehr gepflegt in seinem Äußeren, aber niemals übertrieben elegant. Die vollendete Natürlichkeit des Weltmannes und Grandseigneurs verließ ihn nie. Er ging gebeugt, den Kopf mit der zurückfliehenden Stirn und der spitzen Nase etwas nach vorn gestreckt, als suche er nach geheimnisvollen Spuren, die dem Auge der Alltagsmenschen verborgen bleiben.

    „Welch wunderbarer Mensch“, sagte Haußmann, „und zu welcher Höhe der Abgeklärtheit hat ihn sein grausames Schicksal erhoben!“ „Ja, in der Klarheit, die nur durch Verzichten erworben wird, ist er zu Hause“, erwiderte ich.

    Dann bat ich Haußmann, mir ins Jagdzimmer zu folgen, und dort lasen wir beide den Spruch, den der Fürst über dem Kamin hatte anbringen lassen. In der Form einer kurzen nordischen Ballade hat er sein Schicksal aus der Schwere des Alltags in das Reich der Poesie erhoben, wo sich alles persönliche Leiden in reines Menschenleid verklärt.

    Der Kunig hat alle Weg frye Pirsch
    Uf das hauend Swin und edel Hirsch.
    Hat Ihme das nit Genuge than,
    Lasset er die Hund auf den Herre der Jagd gahn.
    Giebt wohl kein edlen Wildpret im Revier;
    Das hazet nun die Koppel zu Tode schier.
    Amen.

    Dem Kunig oben im Himmelrik
    Seind Wild, Triber und Kunige glik.
    Ein gross Jagen sezet Der wohl malen an,
    Da ist es um Alle gar auss getan.
    Ach wie still ruhen da Kunig und Tribersmann
    Und Eber und Hirsch unter deme grunen Tann.
    Amen.

    Entnommen aus J. v. Uexküll, Nie geschaute Welten. Die Umwelten meiner Freunde. Ein Erinnerungsbuch. Berlin: S.Fischer. 1936

    Antworten

Möchten Sie einen Kommentar schreiben?

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


*