# Warum es so leicht ist, Hartmut von Hentig zu verurteilen

Eine Rezension aus Südafrika von LUTZ VAN DIJK, KAPSTADT

Lutz van Dijk verfolgt die Missbrauchsdebatte in Deutschland, auch im Kontext der Aussagen von Hartmut von Hentig und seiner Kritiker, seit 2010 aufmerksam Er wagt aus dem Abstand von mehr als 10.000 Kilometern die Behauptung, dass es in Südafrika wie in Deutschland vor allem die Scheinheiligkeit der “moralisch Besseren” ist, die nicht nur die Therapie der Opfer erschwert, sondern bereits deutliche Prävention vernebelt: „Jeder weiß scheinbar, was richtig und falsch ist, aber nur wenige benennen klar die Widersprüche in Institutionen ebenso wie in Familien. Widersprüche zwischen Schein und Sein, zwischen Fassaden und Abgründen, die immer wieder neue Taten ermöglichen.“
Lutz van Dijk über das neue Buch, über die Diskussion über sexuellen Missbrauch von Kindern und wie darüber eine öffentliche Debatte zu leisten ist.

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Eine Rezension aus Südafrika

Noch bevor das Buch Anfang Juni erscheinen wird, druckte die ZEIT bereits am 21. April 2016 einen zweiseitigen Verriss:

Der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen bescheinigt darin dem 90jährigen Hartmut von Hentig, mit dem dritten Band seiner Lebenserinnerungen „ein fatales Dokument der Selbstrechtfertigung” geschrieben zu haben.  Am 18. Mai folgt die Frankfurter Rundschau mit der Meldung “Opfer empört über Hentig Autobiografie”.  Fast am Ende des Artikels räumt Adrian Koerfer, eines der früheren Opfer und Vorsitzender der Aufklärungsinitiative “Frostschutz” ein, dass er selbst “das Buch nicht kenne, sondern sich nur auf Pörksens Rezension stützen könne”.

Drei Worte prangten über der ZEIT-Rezension: ”Nach dem Schweigen”.  Diese Überschrift bezieht sich auf die damalige Forderung vieler Journalisten, Kollegen und auch einiger Missbrauchsopfer aus dem Jahr 2010, endlich öffentlich zu bekennen, was er von den sexuellen Verbrechen an minderjährigen Schülern seines langjährigen Freundes Gerold Becker in dessen Zeit als Leiter der berühmten reformpädagogischen Odenwaldschule von 1972 – 1985 gewusst habe. Ein von der Schule in Auftrag gegebener Bericht zweier Juristinnen kam damals zu dem Ergebnis, dass Gerold Becker der sexuelle Missbrauch an 86 Jungen im Alter von zwölf bis fünfzehn Jahren zuzurechnen sei. Zu einer gerichtlichen Verurteilung kam es nicht, da nach deutschem Recht die Taten bereits verjährt waren. Im Juli 2010 starb Gerold Becker in Berlin an einem Lungenleiden bis zuletzt gepflegt von seinem Freund Hartmut von Hentig.

Es mag ungewöhnlich anmuten, aber die Diskussion über sexuellen Missbrauch von Kindern und wie darüber eine öffentliche Debatte zu leisten ist, wird auch in einem Land wie Südafrika mit Leidenschaft geführt, wo ich seit 2002 in einem Township Projekt für Kinder arbeite, die mit HIV/Aids leben. Die Zahlen von sexuellem Missbrauch bei Kindern gehören hier nicht nur zu den höchsten weltweit, sondern diese Verbrechen haben außer den psychologischen Traumatisierungen oft auch HIV Infektionen zur Folge, die allein schon ein “Verdrängen” für die jungen Opfer unmöglich machen.

Es geht hierbei in Südafrika zunehmend um die Aufgabe, überhaupt eine Sprache zu finden – sowohl für die Kinder und Jugendlichen untereinander als auch im öffentlichen Diskurs der Erwachsenen. Die Missbrauchsdebatte in Deutschland, auch im Kontext der Aussagen von Hartmut von Hentig und seiner Kritiker, verfolge ich seit 2010 aufmerksam – und wage aus dem Abstand von mehr als 10.000 Kilometern die Behauptung, dass es in Südafrika wie in Deutschland vor allem die Scheinheiligkeit der “moralisch Besseren” ist, die nicht nur die Therapie der Opfer erschwert, sondern bereits deutliche Prävention vernebelt: Jeder weiß scheinbar, was richtig und falsch ist, aber nur wenige  benennen klar die Widersprüche in Institutionen ebenso wie in Familien (wo 90 % des sexuellen Missbrauchs stattfindet) zwischen Schein und Sein, zwischen Fassaden und Abgründen, die immer wieder neue Taten ermöglichen. Diese Widersprüche haben prinzipiell nichts mit einer bestimmten Pädagogik zu tun, egal ob konservativ oder fortschrittlich.  Sexuelle Gewalt von Erwachsenen gegenüber Kindern und Jugendlichen geschieht oft dort lange unerkannt, wo diese Widersprüche, willentlich oder unbewusst, ignoriert werden.

Niemand wird die Familie abschaffen wollen, obwohl in einigen so deutlich der meiste Missbrauch stattfindet. Hier ist neben diesem Erkennen von Fassaden und Abgründen bei Erwachsenen eine Stärkung der Kinder und Jugendlichen, ihnen zuzuhören und auf sie zu achten, die wesentliche Bedingung der Prävention. Noch mehr allgemeine Kontrolle hilft prinzipiell ebenso wenig wie Generalverdacht, denn ein Merkmal von Missbrauch ist gerade die Camouflage.

Hartmut von Hentig hat damals wiederholt gesagt, dass er nichts bekennen könne, von dem er nichts gewusst habe. Von vielen Seiten bedrängt, blieb der auch international bekannte und vielleicht berühmteste deutsche Pädagogikprofessor nach 1945, der Gründer der Bielefelder Schulprojekte Laborschule und Oberstufenkolleg, beharrlich in seiner so anderen und positiven Wahrnehmung des Freundes, die sich nicht einfach mit den ersten Anschuldigungen, dann aber eindeutig nachgewiesenen und schließlich im Kern von Gerold Becker kurz vor seinem Tod öffentlich zugegebenen Missbrauchstaten vereinbaren ließ.  Dieses „Nicht-Zugeben”, dann aber auch noch ein mehr als missverständlicher Vergleich mit einem durch einen Schüler verführten Lehrer (der im Kern nichts mit Gerold Becker zu tun hatte) mündeten in einen Sturm der Empörung, auch der persönlichen Beschimpfungen, der ihn schließlich verstummen ließ und zu dem Beschluss führte, sich mindestens fünf Jahre nicht mehr öffentlich zu äußern.

Dies hat er in der Tat durchgehalten (bis auf einen vergeblichen kurzen “Klärungsversuch” 2011). Gleichwohl war es keine Zeit des Abschottens oder gar der Ignoranz gegenüber der weitergehenden öffentlichen Diskussion, wie die 1392 Seiten seines Mammutwerkes über die Jahre 2005 bis 2015 belegen (davon die ersten fast 600 Seiten die fünf Jahre seines Lebens  vor dem “Skandal” beschreibend): Es gibt wohl kein Buch, keinen Film, keinen Vortrag und Artikel, selbst kaum einen Leserbrief, soweit öffentlich zugänglich, den er ab 2010 nicht gesammelt, gelesen und für sein Buch einer kritischen und endlich auch selbstkritischen Analyse unterzogen hat.  Bernhard Pörksen sieht darin nichts anderes als den Versuch der “spürbaren Herablassung des Großprofessors”, jede dieser Darstellungen im Folgenden “seitenlang als ungenügend oder manipulativ zu kritisieren”.

Ungleich detaillierter hat der Erziehungswissenschaftler Jürgen Oelkers vor kurzem seine 600 Seiten Untersuchung: „Pädagogik, Elite, Missbrauch. Die Karriere des Gerold Becker“ vorgelegt, in der es auch immer wieder um Hartmut von Hentig geht. Trotz aller eindeutigen Verurteilungen sagt Oelkers in einem Interview anlässlich des Erscheinens seines Buches am Ende aber doch: “Mir ist es ein Rätsel, warum Hentig für Becker seinen Sturz, sein Lebenswerk riskierte. Er hätte zumindest sein eigenes pädagogisches Erbe retten können, wenn er sich 2010, als Becker vollständig entlarvt wurde, nicht weiter hinter ihn gestellt hätte. Aber Hentig ist nun ein ebenso beschädigter Mann.”

Warum ist das – angeblich – so? Liefert dieses sicher letzte und umfangreichste Buch des hochbetagten Hartmut von Hentig mehr Einsichten oder wieder nur Bestätigungen für jene, die seit 2010 nicht nur nichts mehr mit ihm zu tun haben wollen, sondern selbst frühere Bewunderungen am liebsten getilgt wissen möchten, wenn dies nur ginge. Mögliche eigene Irrtümer damals, blinde Flecken in der Wahrnehmung von sexuellen Beziehungen in pädagogischen Kontexten – für deren erneute persönliche Verdrängung bieten sich die mit Eifer vorgetragenen Verurteilungen des einst auf verschiedene Sockel gehobenen “Pädagogik-Papstes” an. Vor allem auch, um nicht über sich selbst sprechen zu müssen und die damalige Begeisterung für den doch gleichwohl zeitlos humanen Auftrag, der “die Menschen stärken” und “die Sachen klären” will (so einer der bekanntesten Kernsätze Hentigscher Pädagogik).  Ja, Hartmut von Hentig war schon immer eigen, er passt nicht ohne weiteres in die Zunft der Erziehungswissenschaftler – ein Schulreformer, dem die Praxis schon immer ungleich mehr bedeutet als nur empirische Bestätigung.  Er konnte arrogant erscheinen, unabhängig im Denken und im Dialog mit zahlreichen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, längst nicht nur Pädagogen. Je höher ihn manche auf einen Sockel hoben, desto tiefer stürzten sie ihn nach 2010.

Wer sein Buch bald aufmerksam lesen möchte, wird auch anderes finden als Pörksen oder Oelkers schon lange meinen zu wissen:

Warum, um Himmels Willen, hat er damals denn nicht gesagt und zu Beginn jeder öffentlichen Äußerung wiederholt, dass er selbstverständlich jede Form des sexuellen Missbrauchs an Kindern und Jugendlichen aufs Schärfste verurteilt – von wem auch immer begangen, sei es auch vom engsten Freund seines Lebens ? Von Hentig beschreibt sein langes Zögern, etwas für ihn Selbstverständliches betonen zu sollen, mit dem erniedrigenden Vergleich, wie wenn ein Richter erklären solle, dass er den Meineid aufs Schärfste ablehnt.

Und er gibt Fehler und Zweifel in der Rückschau mehr als einmal zu: “Ja, ich habe mich getäuscht. Ich habe die Untaten meines Freundes Gerold Becker nicht erkannt, und ich habe auch nicht, als seine Opfer ihn anklagten, gesagt: Wenn es so war, war es eine Verletzung des Ethos der Pädagogik. Ich hätte aufkommenden, gar naheliegenden Zweifeln ohne Scheu vor Wiederholung oder Abnutzung energisch entgegentreten sollen… Ich habe Mitgefühl für die Opfer, aber ich habe Hemmungen, dieses nach außen zu kehren, noch dazu, wenn sie mich für mitschuldig halten und ich mit dem Mitgefühl für sie Mitgefühl für mich einzuhandeln scheine.”

An anderer Stelle schreibt er, dass er sich gewünscht hätte, dass es keine Verjährung der Straftaten gegeben hätte, da die Vielzahl der Verdächtigungen so zumindest eine professionelle Beweisführung zur Bedingung gehabt hätten. Ich möchte hinzufügen:  Nach fünf Jahren der “Anklage” verschiedenster berechtigter, aber auch selbsternannter “Staatsanwälte” hat nun zum ersten Mal der Zeuge der dem Hauptangeklagten im Leben am nahesten stand, eine detaillierte Aussage getroffen. Sie als “infame Beschreibung sexueller Gewaltverhältnisse” prinzipiell zu diskreditieren, wie Bernhard Pörksen das tut, widerspricht dem Anspruch jeden Gerichts, die Geschichten aller Beteiligten zu hören, um so zu einem Gesamtbild zu kommen, das Widersprüche nicht wegbügelt, sondern deren Verstehen (nicht das der Täter) als Bedingung zukünftiger Verhinderung von Unrecht und in diesem Fall sexuellem Missbrauch anerkennt. Hentig gibt eigene Unzulänglichkeiten zu, ohne die Grundthesen einer humanen Pädagogik zu verraten: “Ich mag den Widerspruch nicht aufzulösen [wie solche Verbrechen an der Odenwaldschule geschehen konnten] – und halte doch an der These fest, dass Vertrauen und Freiheit die bessere Prävention sind als Kontrolle und Tabu.”

Es ist leicht, Hartmut von Hentig zu verurteilen – und sich damit auf die Seite der moralisch Besseren zu schlagen.

Jedoch so wie damals Mut dazu gehörte, endlich das Leid der Opfer anzuerkennen und öffentlich zu machen, so gehört heute Mut (und Einsicht) dazu, die Ursachen von Ignoranz und Blindheit, nicht nur des unmittelbaren Umfelds, besser zu verstehen und zu benennen. Dazu leistet das Buch von Hartmut von Hentig einen Beitrag. Wenn es denn nicht als einzige Wahrheit gelesen wird, nicht als “Vermächtnis” des berühmten Pädagogen, sondern als die redliche, zuweilen fast unglaubliche Anstrengung eines Menschen am Ende eines langen Lebens, den “einzigen wirklichen Bruch in diesem Leben” sich und anderen zu erklären. Ja, sein Buch weist auch Unstimmigkeiten und Wiederholungen auf. Man hätte sich sich vor allem ein strengeres Lektorat gewünscht. All jene traditionsreichen Verlage jedoch, die über Jahrzehnte Hentigs Bücher stolz in ihrem Programm präsentierten, weigerten sich, den 3. Band seiner Erinnerungen zu veröffentlichen.

Die Verpflichtung zum differenzierten Denken bleibt, um mit den Widersprüchen menschlicher Existenz, auch und gerade auf dem Gebiet der Sexualität, leben zu lernen. Zukünftige Verhinderung von Missbrauch wird da, wo diese Anstrengung des Verstehens von Widersprüchen unternommen wird (egal ob in Deutschland oder Südafrika), stabiler und dauerhafter sein, als dort, wo nur die bessere Moral bestätigt wird.

Dr. Lutz van Dijk ist im Beirat der deutschen Fachzeitschrift PÄDAGOGIK und lebt als Autor und Pädagoge in Kapstadt.
Er ist Mitbegründer eines Township Projekts für Kinder und Jugendliche, die mit HIV/Aids leben.

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  1. Trackback:# Frage an die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindermissbrauchs - Noch immer Mein Leben

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