# Was hilft?

HANNELORE BESSER über den Zeitgeist der siebziger und neunziger Jahre und ihren Umgang mit ambivalenten Erfahrungen

 

Die Odenwaldschule war für mich der strahlende Stern am Bildungshimmel. Wie keine andere vereinte sie praktische mit theoretischen Inhalten.

„Non scolae sed vitae discimus“

Sie war das gelungene demokratische Pendant zur Polytechnischen Oberschule im Osten und zur ideologisch belasteten Waldorf-Pädagogik, sie vereinte die Ausbildung im Handwerk mit den Weihen der höheren Bildung. Sie war das Mekka der Reformpädagogik in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts. ‚Non scolae sed vitae discimus‘ – sie war die Wirklichkeit gewordene scola des Sich-Ausprobierens, der Orientierung, der Hilfe für den Eintritt in ein selbstbestimmtes Leben. Und sie war sogar noch mehr in jenen Tagen des Widerstands gegen das Establishment: Sie war Freiheit in Geborgenheit. Das alles war für mich verbunden mit den Namen Gerold Becker und Hartmut von Hentig. Diese Namen standen für den Geist, der viele von uns aufgerüttelten Pädagogen jener Zeit erfasst hatte, und wir nahmen Anteil am Gelingen dieser besonderen Schule, hofften auf weitere solche Einrichtungen, die Gesamtschule sollte so gestaltet sein, die Laborschule Bielefeld als Musterschule war ein Modell, das diesem Geist entsprach.

„Mehr Mut zur Erziehung“

Die Ereignisse nahmen ihren entgegengesetzten Lauf: 1978 forderte die CDU auf ihrem Kongress „Mehr Mut zur Erziehung“ und in Berlin befand der Oberschulrat Karl Barth: Lehrer müssen wieder mehr Autorität beweisen. Die liberale Phase war zu Ende, die kritischen Stimmen verstummten, die Restauration schlug abermals zu. Kaum jemand, der aus heutiger Sicht auf die Dinge schaut, kann nachempfinden, wie freiheitlich es in Familien und Kinderläden einmal zuging. Man fand nichts dabei, sich nackt zu zeigen, der Körper gehörte niemandem, Paar-Beziehungen galten in der Kommune als Relikt bürgerlichen Besitzdenkens. Die Bielefelder Laborschule war das Musterbeispiel für eine Schule, wie sie vielen der aufgeklärten Pädagogen vorschwebte: behütet aufwachsen und trotzdem den Lehrplan erfüllen. In vielen Berichten (z.B. www.uni-bielefeld.de/wels/pdf/veroeffentlichungen_laborschule_chronologisch.pdf) wird positiv über diese Schule berichtet, die mit dem Namen Hartmut von Hentig unlösbar verknüpft ist. Hartmut von Hentig – der „große“ Bildungsreformer der Ära Willy Brandt – wurde „mein“ Guru.
Ich selbst, aus dürftigen Verhältnissen stammend, bekam durch das „Alle Kinder schaffen es“ die Möglichkeit, auf dem zweiten Bildungsweg zu studieren. Ich war begeistert von den offenen Unterrichtsformen, von den Möglichkeiten der Förderung aller Anlagen eines Kindes, seien sie kognitiver, praktischer oder künstlerischer Natur. Keine Einschränkung der Entwicklung, sondern Förderung der Stärken. Ich studierte Lehramt für die Grund- und Hauptschule, studierte Erziehungswissenschaft und die angrenzenden Fächer Psychologie und Soziologie, entschied mich für eine Tätigkeit in der Schule, unterrichtete und begleitete Pubertierende auf ihrem Weg in ihr eigenes Leben. Es gab Arbeitsgruppen, die sich zu Hause trafen, gemeinsame Ausflüge, freiwillige Freizeitaktivitäten mit Schülern und Schülerinnen und mir als Begleiterin. Ob ich da jemals an die erotische Komponente dieser Begegnungen mit den Heranwachsenden dachte? Ich glaube nicht. Ob sie diese Erotik spürten? Das weiß ich nicht, ausgeschlossen ist es nicht.

„Denken Sie immer daran, es kann auch sexueller Missbrauch sein.“

Und dann kam der Bruch. Plötzlich hieß es, wenn wir abweichendes Verhalten bei Schülern bemerkten: „Denken Sie immer daran, es kann auch sexueller Missbrauch sein.“ Anfang der 90er Jahre mussten wir uns in der Schule mit den Übergriffen von Erwachsenen auf Kinder auseinandersetzen und ich war entsetzt, wie oft Missbrauch im Familien-, Freundes- und Bekanntenkreis vorkommt. Ich war aber auch entsetzt, wie sich eine auf Erregung geeichte Journalistik reißerisch dieses Themas bemächtigte, nicht mehr unterscheiden konnte zwischen den Herausforderungen der Vierzehnjährigen, dem unschuldigen Hoppereiter eines Onkels und den tatsächlichen Übergriffen. Aufklärung der Kinder schon im Kindergarten –„Mein Körper gehört mir“ – war die Antwort auf verbrecherisches Ausnutzen von Abhängigkeiten.
„Haben Sie davon gewusst?“, das wird Hartmut von Hentig in Bezug auf seinen Freund Gerold Becker immer wieder insistierend gefragt. Und er antwortet: „Nein, ich habe erst durch die Presse davon erfahren.“  Die folgende Flut von Schuldzuweisungen ist in vielen Artikeln nachzulesen.

Genaues Hinhören und Hinsehen hilft

Später war ich Schulleiterin. Oft war ich als Streitschlichterin  gefragt. Stets lautete mein erster Kommentar: „Ich war nicht dabei!“ Und danach versuchte ich mühsam herauszufinden, was jede/-r der Beteiligten zur Wiederherstellung der “guten Ordnung“ tun könne. In Zusammenhang mit den Vorwürfen gegen Gerold Becker und nachher auch gegen Hartmut von Hentig steht sehr stark die Moral der 90er Jahre im Vordergrund, die Frage nach der „Schuld“ – die Herstellung und Erhaltung der guten Ordnung tritt in den Hintergrund. Den Opfern ist nicht geholfen, indem man Hartmut von Hentig nachweist, dass er vielleicht, womöglich, doch etwas von den angezeigten Übergriffen geahnt hat. Und Hartmut von Hentig beschädigt sein Lebenswerk, wenn er auf mögliches Einvernehmen von Opfern hinweist.
Ich habe oft erlebt, dass Kinder nicht gehört wurden, wenn sie auf einen Missstand aufmerksam machten, oder dass Lehrkräfte unsensibel auf Zeichen reagierten. Ich habe ebenso oft erlebt, dass Jugendliche ab ca. 13 Jahren sich durch falsche Anschuldigungen an einem Lehrer/einer Lehrerin rächen – das gilt auch für Studentinnen an einem Professor. In beiden Fällen hilft genaues Hinhören und Hinsehen – aber weder in dem einen noch in dem anderen Fall helfen moralische Zeigefinger.
Hartmut von Hentig bleibt für mich der große Pädagoge, dessen Ideen meinen Weg bestimmt haben. Ich danke ihm von ganzem Herzen.

Hannelore Besser

Möchten Sie einen Kommentar schreiben?

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


*