# Zum Beschluss des Vorstandes der DGfE, Hartmut von Hentig den Ernst-Christian-Trapp-Preis abzuerkennen

… haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler – Mitglieder der DGfE und Nichtmitglieder – und andere Persönlichkeiten, unter ihnen Schriftsteller und Verleger, eine kritische Stellungnahme verfasst: Wissenschaftlichkeit verlange Genauigkeit, Begründung und Nachvollziehbarkeit der Aussagen; an alledem fehle es in diesem Beschluss: „Wir fordern den Vorstand der DGfE auf, dies nachzuholen und seinen Beschluss zu überprüfen.“

 

Mit dem Ernst-Christian-Trapp-Preis, der bisher elf Mal vergeben wurde, ehrt die DGfE „innovative und unkonventionelle Leistungen im Fach Erziehungswissenschaft“. Gewürdigt wird jeweils das Lebenswerk der Preisträger am Ende ihrer Berufslaufbahn. 1998 – also vor knapp 20 Jahren – hat die DGfE diesen Preis an Hartmut von Hentig vergeben. Die Gründe dafür kann man in der Laudatio, die Eckart Liebau gehalten hat, nachlesen: Gelobt wird Hentigs „offensives, erfahrungsbezogenes Reform- und Entwicklungsprogramm, das deutlich und eindeutig den Primat der praktischen und politisch-pädagogischen Aufgaben betont und sich um akademisch-systematische Besorgnisse nicht sonderlich kümmert.“ Gelobt werden seine Beiträge für eine kindergerechte Pädagogik, wie sie etwa in dem viel gelesenen Buch „Die Schule neu denken“ ausgeführt werden. Und gelobt werden seine konzeptionellen und praktischen Leistungen beim Aufbau der Bielefelder Schulmodelle und der Entwicklung einer darauf bezogenen „Praxisforschung“. Aufgrund solcher Leistungen hat der damalige DGfE-Vorstand Hentig den Trapp-Preis zuerkannt.
2017 – also 19 Jahre später – erkennt der DGfE-Vorstand v. Hentig den Trapp-Preis wieder ab: Ein einmaliger Vorgang und so etwas wie die „Höchststrafe“, was Lebensleistung und Reputation des Betroffenen angeht, viel gravierender in seiner öffentlichen negativen Wirkung als seinerzeit die positive der Zuerkennung. Dabei geht es nicht um die Verdienste, die 1998 gelobt wurden. Im Gegenteil: In der veröffentlichten „Stellungnahme …“ und in seinem Aberkennungsschreiben vom 8. März 2017 schreibt der DGfE-Vorstand ausdrücklich, die „wissenschaftlichen Leistungen und Ihr persönliches Engagement für die Erziehungswissenschaft“ hätten weiterhin Bestand.
Anders formuliert: Das Lebenswerk, für das von Hentig 1998 geehrt wurde, wird nicht infrage gestellt. Trotzdem folgt der Vorstand einer Forderung, die an ihn gerichtet wurde (von wem, wird nicht gesagt), und beschließt am 21. Januar 2017 die Aberkennung des Ernst-Christian-Trapp-Preises. Nach einigen Sätzen eines summarischen Rückblicks auf die Diskussionen um das Buch – „Noch immer Mein Leben“ (Berlin 2016) – fasst er die Begründung dieses gravierenden Beschlusses in einen einzigen Satz (von fünf Zeilen): „Der Vorstand ist mehrheitlich der Auffassung, dass die Auseinandersetzung von Hentigs mit den Gewalterfahrungen, die viele Schüler nachweislich an der Odenwaldschule machen mussten, den berechtigten Anliegen der Opfer in keiner Weise gerecht wird und dass die Unterstützung der Opfer im Zweifelsfall höher zu gewichten ist als die Anerkennung wissenschaftlicher Leistungen.“
Belege für seine Einschätzung, die auf eigener Lektüre des Buches beruhten, werden nicht angeführt; stattdessen begnügt sich der Vorstand der DGfE in seiner Stellungnahme mit einem vagen Hinweis auf die kursierenden Vorwürfe, auf zwei dreispaltige Zeitungsbesprechungen (die als solche keine Belege bringen können und nicht von Erziehungswissenschaftlern stammen) und eine Stellungnahme, nicht einmal eine Seite lang, von Jens Brachmann, mit Vorwürfen, für die ebenfalls keine Belege angeführt werden. Vom Vorstand einer wissenschaftlichen Gesellschaft muss man mehr erwarten. Wissenschaftlichkeit verlangt Genauigkeit, Begründung und Nachvollziehbarkeit der Aussagen; an alledem fehlt es in diesem Beschluss. Wir fordern den Vorstand der DGfE auf, dies nachzuholen und seinen Beschluss zu überprüfen.

Unterzeichnerinnen und Unterzeichner der Stellungnahme zur Aberkennung des Ernst-Christian-Trapp-Preises für Hartmut von Hentig

Mitglieder der DGfE
Prof. Dr. Johannes Bastian (Hamburg), Prof. Dr. Dietrich Benner (Berlin), Prof. Dr. Christa Berg (Wermelskirchen), Dr. Christine Biermann (Bielefeld), Prof. Dr. Fritz Bohnsack (Essen), Prof. Dr. Dorit Bosse (Kassel), Prof. Dr. Hannelore Faulstich-Wieland (Hamburg, Trapp-Preisträgerin 2016), Prof. Dr. Helmut Fend (Zürich, Trapp-Preisträger 2012), Prof. Dr. Ariane Garlichs (Kassel), Prof. Dr. Eberhard Göpel (Bielefeld), Dr. h. c. Annemarie v. d. Groeben (Bielefeld), Prof. Dr. Dagmar Hänsel (Dortmund), Prof. Dr. Inge Hansen-Schaberg (Berlin), Prof. Dr. Helmut Heid (Regensburg), Prof. Dr. Hans-Georg Herrlitz (Göttingen), Prof. Dr. Hans-Werner Heymann (Siegen), Prof. Dr. Marianne Horstkemper (Berlin), Prof. Dr. Ludwig Huber (Bielefeld), Prof. Dr. Klaus Hurrelmann (Berlin), Prof. Dr. Helga Kelle (Bielefeld), Dr. Karin Kleinespel (Jena), Prof. Dr. Klaus Klemm (Essen), Prof. Dr. Helen Knauf (Fulda), Dr. Michael Lenz (Landau), Prof. Dr. Will Lütgert (Jena), Prof. Dr. Katharina Maag Merki (Zürich), Prof. Dr. Rudolf Messner (Kassel), Prof. Dr. Hilbert Meyer (Oldenburg), Prof. Dr. Meinert Meyer (Münster), Dr.Erika Risse (Oberhausen), Prof. Dr. Hans-G. Rolff (Dortmund), Prof. Dr. Michael Schratz (Innsbruck), Dr. Fritz Seydel (Hannover), Prof. Dr. Susanne Thurn (Bielefeld), Prof. Dr. Klaus-Jürgen Tillmann (Berlin), Prof. Dr. Dieter Timmermann (Bielefeld), Prof. Dr. Erhard Wiersing (Detmold), Dr. Felix Winter (Bielefeld), Prof. Dr. Jürgen Zimmer (Berlin)

Andere
Helmut Albrecht (Versmold), Hartmut Alphei (Lindau), Gisela v. Alten (Bielefeld), Prof. Dr. Herbert Altrichter (Linz), Dr. Jupp Asdonk (Bielefeld), Prof. Dr. Michael Becker (Berlin), Prof. em. Peter Becker (Hannover), Dr. Irene Below (Bielefeld), Prof. Dr. Dietz Bering (Köln), Dr. Helmut Birn (Stuttgart), Studienprof. Dr. Peter Böhning (Bielefeld), Ulrich Bosse (Bielefeld), Dr. Claus von Bormann (Bielefeld), Prof. Dr. Christoph Brudi (Vaihingen-Enz), Dr. Wolf Büchtermann (Tübingen), Prof. Dr. Burchard v. Braunmühl (Berlin), Prof. Dr. Hans Brügelmann (Siegen), Peter Collingro (Berlin), Dr. Hartwig Cremers (Saarbrücken), Rainer Devantié (Bielefeld), Werner Diederich (Bielefeld), Hans-Frieder Dietz (Bielefeld), Dr. Wiltrud Döpp (Bielefeld), Dr. Lutz van Dijk (Kappstadt), Sophie zu Dohna (Heiligengrabe), Anne Ehrenhold-Knauf (Bielefeld), Prof. Dr. Günter Faltin (Berlin), Dr. Andrea Frank (Bielefeld), Dr. Godehard Franzen (Bielefeld), Dorothee Friebel (Schlangen), Dr. Thomas Friebel (Schlangen), Dr. Gerlind Frink-Böhning (Bielefeld), Sabine Geist (Bielefeld), Dr. Konrad Gerull (Bielefeld), Lucius Gessler (Basel), Prof. Dr. Werner Glenewinkel (Werther), Dr. Ida Hackenbroch-Krafft (Halle i. W. ), Ulrich Hartmann (Bielefeld), Christian Heimpel (Feldberg-Falkau), Erich Heine (Bielefeld), Jürgen Heinrich (Bielefeld), Prof. Dr. Martin Heisenberg (Würzburg), Prof. Dr. Werner Hennings (Bielefeld), Prof. Dr. Ulrich Herrmann (Tübingen), Prof. Dr. Hans-Werner Heymann (Werther), Dr. Uwe Horst (Bielefeld), Hannelise Hottenbacher (Kaarst), Dr. Wolf Jenkner (Düsseldorf), Dr. Marita Keilson- Lauritz (TC Bussum/NL), Michael Klett (Stuttgart), Prof. Dr. Thassilo Knauf (Duisburg-Essen), Prof. Dr. Jürgen Kramer (Dortmund), Dr. Hans Kroeger (Bielefeld), Dr. Maria Kublitz-Kramer (Bielefeld), Jens Lehzmann (Lüneburg), Dr. Pavel Liska (Mnisek pod Brdy (CZ)), Dr. Dr.h.c. Georg Maier-Reimer (Köln), Dr. Rolf Mantler (München), Prof. Dr. Bruno Müller (Oerlinghausen), Adolf Muschg (z. Zt. Berlin), Sten Nadolny (Berlin), Elmar Osswald (Basel), Dr. Evelore Parey (Bielefeld), Marina Pöhl (Bielefeld), Dr. Elisabeth Raiser (Berlin), Prof. Dr. Konrad Raiser (Berlin), Wolfgang Reiner (Tübingen), Enja Riegel (Wiesbaden), Dr. Ute Roesger (Tübingen), Prof. Dr. Tilmann Rhode-Jüchtern (Jena), Dr. habil. Anna-Christine Rhode-Jüchtern (Werther), Dr. Wasja Rotsel (Bielefeld), LGED’ i. R. Heidemarie Schäfers (Wuppertal), Helmut Schmerbitz (Bielefeld), Bernhard Schneider (Berlin), Dr. Henning Schüler (Salem), Dr. Elmar Schulz-Vanheyden (Münster), Prof. Dr. Adelheid Schumann (Siegen), Anton Graf Schwerin v. Krosigk (Bad Segeberg), Gabriele Sonnenberg (Bielefeld), Prof. Dr. Wilhelm Frieling-Sonnenberg (Bielefeld), Prof. Dr. Gerald Stourzh (Wien), Gerhard Stroh (Rothenburg o. d. T.), Wilfried Thust (Weston Rhyn/UK), Dr. Dieter Vohmann (Bielefeld), Prof. Dr. Wolff-Dietrich Webler (Bielefeld), Dr. Michael Wegner (Mannheim), Andreas Wenzel (Bielefeld), Elke Werneburg (Bielefeld), Klaus Winkel (Saarbrücken), Prof. Dr. Dr. Paul Wolters (Bielefeld), Prof. Dr. Jörg W. Ziegenspeck (Lüneburg)

Diese Stellungnahme vom April 2017 wurde im Juni  2017 in der der „Zeitschrift für Erziehungswissenschaft“, Ausgabe 54, veröffentlicht.

2 Trackbacks

  1. Trackback:# Zur kritischen Stellungnahme - Noch immer Mein Leben

  2. Trackback:# Welchem Menschenbild, gesellschaftlichen Klima und Erziehungsziel dienen Sie? - Noch immer Mein Leben

Möchten Sie einen Kommentar schreiben?

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


*